
Die Bankbranche verändert sich rasant – bedingt durch die Digitalisierung, regulatorische Vorgaben und neue Kundenerwartungen. Mit der Gründung seines Observatoriums möchte das ISFB diese Veränderungen besser analysieren und die zukünftigen Bedürfnisse der Branche vorwegnehmen. Sein Direktor, Mathias Baitan, erläutert die Ziele dieser Initiative und zieht eine Bilanz für das Jahr 2025 eines Instituts, das seine Aktivitäten klug ausweitet.
Das von Ihnen ins Leben gerufene ISFB-Observatorium für Bank- und Finanzkompetenzen hat nun seine operative Phase erreicht. Was sind die Ziele?
Das Hauptziel besteht darin, die Entwicklung der Bankberufe besser zu verstehen, um die Kompetenzen zu antizipieren, die die Branche in Zukunft benötigen wird. Der Finanzplatz verändert sich rasch – unter dem Einfluss von Regulierung, Digitalisierung, demografischem Wandel, aber auch sich wandelnden Kundenerwartungen. Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, über ein Instrument zu verfügen, das diese Entwicklungen strukturiert und unabhängig analysieren kann.
Das ISFB-Observatorium zielt genau darauf ab, diese Veränderungen zu dokumentieren und den Finanzinstituten Analyseergebnisse zur Verfügung zu stellen, anhand derer sie ihre Strategien in den Bereichen Ausbildung, Personalbeschaffung und Kompetenzentwicklung ausrichten können.
Was sind die Schwerpunkte dieses Observatoriums?
Die erste Priorität besteht darin, innerhalb des Finanzplatzes eine Diskussion über die Entwicklung der Kompetenzen anzustoßen. Die Veränderungen in der Branche sind real, und es ist wichtig, sich dessen gemeinsam bewusst zu werden, um die notwendigen Anpassungen vorwegzunehmen.
Als führendes Institut für Bank- und Finanzkompetenzen in der Westschweiz kommt uns eine Katalysatorrolle zu. Wir müssen daher den Dialog mit unseren Mitgliedern, aber auch mit unseren Partnern und den Behörden suchen, um gemeinsam über die kommenden Entwicklungen nachzudenken.
Langfristig ist es unser Ziel, besser zu verstehen, wie sich die wichtigsten Funktionen der Branche wandeln. Welche Kompetenzen entstehen? Welche verändern sich? Und welche könnten nach und nach verschwinden? Gerade diese Beobachtung und Vorausschau ermöglichen es uns, uns effektiv auf die laufenden Veränderungen vorzubereiten.
Acht Gründungsbanken stehen ebenfalls hinter diesem Projekt. Was sagt diese Mobilisierung Ihrer Meinung nach über die aktuellen Anliegen der Branche aus?
Dieses Engagement zeigt, dass die Frage der Kompetenzen für die gesamte Branche strategische Bedeutung erlangt hat. Die Banken sehen sich mit raschen Veränderungen in ihren Geschäftsfeldern konfrontiert. Sie müssen gleichzeitig neue regulatorische Anforderungen umsetzen, technologische Kompetenzen ausbauen und ihren Kunden weiterhin eine hochwertige Beratung bieten.
Die Tatsache, dass mehrere Institute die Gründung dieser Beobachtungsstelle des ISFB unterstützen wollten, spiegelt den gemeinsamen Willen wider, diese Entwicklungen besser zu antizipieren und gemeinsame Antworten darauf zu finden. Wir wissen jedoch, dass die Fähigkeiten zur Vorausschau oder Zukunftsplanung je nach Grösse der Organisationen unterschiedlich sind. Eines der Ziele des Observatoriums besteht gerade darin, diese Analysen mit dem gesamten Finanzplatz der Westschweiz zu teilen, damit alle Akteure davon profitieren können, unabhängig von ihrer eigenen Fähigkeit, Ressourcen für diese Themen zu mobilisieren.
Welche Arten von Analysen oder Instrumenten werden Sie den Finanzinstituten in der Westschweiz konkret zur Verfügung stellen?
Das Observatoire wird verschiedene Arten von Arbeiten erstellen.
Zum einen regelmäßige Analysen zur Entwicklung der Berufe und Kompetenzen im Finanzsektor. Ziel ist es, die laufenden Veränderungen besser zu dokumentieren und die Bereiche zu identifizieren, in denen sich der Kompetenzbedarf am schnellsten verändert. Zu diesem Zweck arbeiten wir mit der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften der Universität Genf sowie mit der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Freiburg zusammen.
Zum anderen möchten wir unser Referenzsystem für Funktionen und Kompetenzen zugänglicher machen, um zu einem besseren Verständnis der Berufe in diesem Sektor und ihrer Entwicklung beizutragen.
Zudem haben wir eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Nomads initiiert, um mögliche Synergien zwischen verschiedenen Branchen zu erkunden. In diesem Zusammenhang möchten wir uns von einer von Nomads in Zusammenarbeit mit der Universität Genf und verschiedenen Akteuren aus der Romandie entwickelten Zukunftsforschungsmethode inspirieren lassen, die darauf abzielt, die Kompetenzen und Berufe der Zukunft besser zu identifizieren.
Unser Ziel ist es, diese verschiedenen Ansätze zu kombinieren, um dem Finanzplatz der Romandie nützliche Analysen zur Verfügung zu stellen, mit denen sich die bevorstehenden Veränderungen antizipieren lassen.
Sie haben gerade den Jahresbericht 2025 des ISFB veröffentlicht. Wie würden Sie die Fortschritte zusammenfassen, die das Institut im vergangenen Jahr erzielt hat?
Dem Institut geht es gut. Das Jahr 2025 war für das ISFB ein Jahr der Konsolidierung und Weiterentwicklung. Wir haben unsere Ausbildungsprogramme weiter ausgebaut und neue Angebote in Schlüsselbereichen für den Finanzplatz entwickelt, insbesondere in den Bereichen künstliche Intelligenz, Datenmanagement und Risikomanagement. Zudem haben wir unsere Zusammenarbeit mit den Institutionen des Finanzplatzes intensiviert.
Die Gründung des Observatoriums für Bank- und Finanzkompetenzen stellt einen wichtigen Schritt dar, da sie die Rolle des Instituts über die Ausbildung hinaus erweitert. In diesem Zusammenhang haben wir insbesondere unsere Forschungskapazitäten durch den Eintritt von Christelle Zagato gestärkt.
Zudem hat unser Bereich Karriereentwicklung mit der Ernennung seiner Leiterin, Evelyne Rechemann, richtig an Fahrt gewonnen. Dieser Bereich ermöglicht es uns heute, unsere Mitgliedsinstitute durch Assessments, Kompetenzbilanzen oder Unterstützung bei der Personalbeschaffung zu begleiten.
Welche Kennzahlen sind in diesem Jahresbericht besonders hervorzuheben?
Unser Jahresbericht verdeutlicht vor allem das Ausmaß der vom Institut im Dienste des Finanzplatzes erbrachten Leistungen. Das ISFB ist ein gemeinnütziger, als gemeinnützig anerkannter Verein, dessen Aufgabe darin besteht, die kollektive und individuelle Kompetenz des Bank- und Finanzsektors in der Westschweiz zu stärken – zum Nutzen sowohl der Wettbewerbsfähigkeit der Institute als auch der Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter.
Zu den markanten Trends zählt seit 2022 ein stetiger Anstieg der Zahl der im Rahmen der ISFB-Programme zertifizierten Fachkräfte sowie eine schrittweise Stärkung der Sichtbarkeit unserer Kollektivmarke, die heute in der Westschweiz als anerkannter Maßstab für Kompetenzen in der Branche gilt.
Der Anhang zum Jahresbericht, der die detaillierten Finanzergebnisse enthält, wird den Mitgliedern an unserer Generalversammlung vorgelegt. Ich kann jedoch bereits jetzt mitteilen, dass die Finanzergebnisse des Jahres 2025 hervorragend sind und voll und ganz unseren Erwartungen entsprechen.
Sie sprechen zunehmend davon, dass das ISFB über die Weiterbildung hinaus eine Kompetenz- und Karriereplattform ist. Inwiefern definiert diese Entwicklung die Rolle des Instituts innerhalb des Finanzplatzes neu?
Tatsächlich muss sich das traditionelle Modell der Berufsverbände weiterentwickeln, um den Bedürfnissen und Erwartungen der heutigen Zeit gerecht zu werden. Das ISFB bildet da keine Ausnahme. Seit Anfang 2023 haben wir eine tiefgreifende Umgestaltung des Instituts eingeleitet, um seinen Auftrag zu erweitern und unsere Mitglieder bei den Herausforderungen der Wettbewerbsfähigkeit der Institute und der Beschäftigungsfähigkeit der Fachkräfte besser zu unterstützen.
Das ISFB ist nicht mehr nur ein Weiterbildungszentrum. Es hat sich zu einem echten Kompetenz- und Karrierezentrum für den Finanzplatz der Romandie entwickelt. Wir wollen sowohl eine Referenzbasis für die Kompetenzen der Fachkräfte der Branche schaffen als auch den Arbeitgebern einen Ort des Austauschs und der Reflexion über die Entwicklung der Berufe bieten.
Vor diesem Hintergrund verfolgen wir einen ganzheitlicheren Ansatz in Bezug auf berufliche Laufbahnen. Eine Karriere lässt sich nicht auf eine Abfolge von Weiterbildungen reduzieren. Sie ist Teil eines Kontinuums aus verschiedenen Etappen, die mal positiv, mal komplexer sind: der Einstieg in den Arbeitsmarkt, Entwicklungsphasen, Übergangsphasen, schwierigere Zeiten oder auch die Vorbereitung auf den Ruhestand.
Die Weiterbildung bleibt natürlich ein wesentlicher Hebel für die berufliche Weiterentwicklung und Beschäftigungsfähigkeit auf diesem Weg. Sie steht jedoch auf einer Stufe mit anderen, ebenso wichtigen Aspekten wie dem Zugang zu beruflichen Netzwerken, der Beobachtung der Branchenpraxis oder der Entwicklung von Anpassungsfähigkeiten angesichts beruflicher Veränderungen.
Mathias Baitan
Institut Supérieur de Formation Bancaire (ISFB)
Mathias Baitan leitet das ISFB seit Ende 2022. Zuvor war er über 20 Jahre lang bei der BCGE als Personalverantwortlicher, Stabschef des CEO und Leiter der Verwaltung tätig, parallel dazu als Dozent an der Haute Ecole de Gestion de Genève. Er verfügt über einen Doktortitel in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Genf, einen Master in Betriebswirtschaft, einen Bachelor in Psychologie sowie das eidgenössische Diplom als Personalchef.
