Für Alexey Ivanov und Oleg Falikowitsch hängt die Entwicklung der unabhängigen Vermögensverwalter weniger von der Einführung von KI ab als vielmehr von einem oft vernachlässigten vorgelagerten Schritt: der Digitalisierung und Integration der Prozesse. Im Gespräch analysieren sie die operativen Schwächen des aktuellen Modells, das veränderte Kundenverhalten sowie die technologischen Hebel, die den Sektor nachhaltig neu definieren könnten.

Sie argumentieren, dass unabhängige Schweizer Vermögensverwalter ein Zeitfenster von drei Jahren haben, um sich zu „digitalisieren oder zurückzufallen“. Warum ist der Sektor Ihrer Meinung nach heute an einem solchen kritischen Punkt angelangt?
Alexey Ivanov. Vier zentrale Kräfte verändern die Branche gleichzeitig.
- Erstens die Vermögenstransfer von Generation zur neuen Generation mit veränderten Ansprüchen an die Vermögensverwaltung und den Berater.
- Zweitens der zunehmende Einfluss automatisierten Vermögensverwaltung und passiver ETFs.
- Drittens die immer komplexer werdende Regulierung, welche die Lizenzkosten steigen lässt.
- Und schließlich investieren die grösseren Schweizer Banken massiv in ihre IT-Architektur, um die Integration und Adoption von KI voranzutreiben.
Die meisten dieser Trends gibt es seit Jahren. Was sich heute verändert, ist, dass sie gleichzeitig auftreten und unterschiedliche Teile des Geschäftsmodells parallel betreffen. Betrachtet man das Tempo des technologischen Wandels, beschleunigt sich alles. Es gibt noch kein vollständig validiertes Geschäftsmodell und keine klare Differenzierung im Wealth Management mehr.
Das Wachstum im Schweizer Wealth Management wurde in den letzten Jahren stärker durch Marktperformance als durch neue Kundengelder getrieben. Inwiefern stösst das traditionelle EAM-Modell an seine Grenzen?
Alexey Ivanov. Die Gesamtzahlen bleiben solide, doch darunter beobachten wir tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Geschäftsmodelle verändern sich, was kosten verursacht, die Profitabilität steht unter Druck und die Kundenerwartungen wandeln sich. Traditionelles Wealth Management basierte auf persönlichen Beziehungen, langjährigen Familienbindungen und regelmässigen Treffen. Jüngere Generationen verhalten sich anders. Sie erwarten digitale Kanäle und effizientere Investmententscheide.
Oleg Falikowitsch. Kunden haben heute deutlich mehr Informationszugang. Sie nutzen KI, digitale Tools und können selbst Simulationen durchführen. Dadurch können sie sich eine erste fundierte Meinung bilden und den Berater bei der Anlagestrategie infrage stellen. Das zwingt Vermögensverwalter dazu, laufend neue Ideen zu liefern und ihre Expertise zu belegen. Im gleichen Anlageuniversum und mit derselben Methodik zu arbeiten, wird zunehmend schwierig.
Was sind die grössten operativen Schwächen von Schweizer EAMs im Vergleich zu Privatbanken?
Alexey Ivanov. In Bezug auf Beratungsqualität und Kundenbeziehung haben EAMs oft einen Vorteil. Die Schwäche liegt im Operativen. Viele unabhängige Häuser arbeiten noch mit mehreren nicht integrierten Systemen. Daten und Dokumente sind häufig zwischen Excel und Shared Drives verteilt. Vermögensverwalter können realistisch nur ein begrenztes Anlageuniversum abdecken. Banken verfügen über grössere Research-Teams, strukturiertere Prozesse und besser integrierte Tools.
Oleg Falikowitsch. Die Branche funktioniert in vielerlei Hinsicht nach wie vor wie vor zwanzig Jahren. Portfolios werden oft einzeln analysiert, obwohl Systeme eigentlich proaktiv sein sollten. Das Portfolio sollte gewissermassen selbst signalisieren, wann Handlungsbedarf besteht. Dafür müssen Daten aus KYC, Transaktionen, Liquidität und Kundenaktivität in einer einzigen Umgebung integriert werden.
Sie betonen auch den hohen Anteil an administrativen und Compliance-Aufgaben bei Relationship Managern. Ist KI im Wealth Management eher eine Frage der Produktivität als der Investitionen?
Oleg Falikowitsch. Der erste Schritt ist nicht KI, sondern Digitalisierung und Prozessintegration. Heute sind Systeme fragmentiert, und Mitarbeitende verbringen viel Zeit damit, Informationen zwischen ihnen zu übertragen. Die Digitalisierung bestimmter Prozesse kann Effizienzgewinne von bis zu 70–90 % ermöglichen. KI kommt danach, um diese Prozesse zu optimieren und zu beschleunigen.
Alexey Ivanov. Operative Effizienz ist wichtig, doch das grössere Thema sind Opportunitätskosten. Ein erheblicher Teil der Zeit wird weiterhin für nicht gewinnbringende administrative Aufgaben verwendet. Diese Zeit fehlt für Kunden, für Research und für die Entwicklung neuer Ideen, was die Performance im Portfolio sicherstellen sollte. KI sollte daher als «Enabler» verstanden werden, welcher die Analyse des bestehenden Portfolios erweitert und die Kundeninteraktion klarer und transparenter werden lässt. Das baut Vertrauen auf.
Grosse Akteure wie UBS, Julius Baer oder Pictet investieren massiv in KI. Wie können unabhängige EAMs hier realistisch konkurrenzfähig bleiben?
Alexey Ivanov. Banken verfügen immer über grössere Budgets. Sie sind jedoch auch grösser, weniger flexibel und durch interne Prozesse eingeschränkt. IT Projekte dauern in Grossbanken oft Jahre. EAMs können sich anders differenzieren: indem sie schneller agieren, näher am Kunden bleiben und spezifische operative Probleme deutlich rascher lösen. Ziel ist nicht die grosse Transformation auf einmal, sondern die schrittweise Verbesserung der wichtigsten Prioritäten und Innovationen.
Sie argumentieren, dass EAMs durch Geschwindigkeit, Nähe und Proaktivität gegenüber Grossbanken im Vorteil sein können. Reicht das in einer Welt, in der Technologie immer kapitalintensiver wird?
Oleg Falikowitsch. EAMs dürfen ihren Vertrauensvorschuss der Kundenbeziehung nicht als gegeben betrachtet. Banken setzen ebenfalls auf KI und werden zunehmend Markt-, Verhaltens- und Datenanalysen für ihre neue IT Systeme nutzen. Das historische Argument „wir kennen unsere Kunden besser“ könnte an Gewicht verlieren. EAMs müssen ihre Positionierung überdenken und Technologie gezielt einsetzen, um diesen Vorteil zu erhalten oder sogar ausbauen. Sonst könnte sich der Abstand zu den Banken schrittweise verringern.
Mit FinUp wollen Sie lediglich die operative Effizienz unabhängiger Vermögensverwalter verbessern oder das Schweizer Wealth-Management-Modell neu definieren?
Alexey Ivanov. FinUp entstand aus unserem eigenen Bedarf operative Problem effizienter zu lösen, doch die Vision geht weiter. Heutigen Systeme zwingen Vermögensverwalter in vorgegebene Prozesse zu funktionieren. Das geht so lange gut, solang der EAM sich der vorgesehenen Logik bewegt – etwa innerhalb der Standard-PMS-, CRM- oder Risko-Systemen. Aber wenn Prozesse angepasst oder mehrere Systeme verbunden werden müssen wird es kompliziert und oft ineffizient. Wir glauben, dass sich die Branche von isolierten Technologiemodulen hin zu End-to-End-Prozessen und einer gesamtheitlichen User-Journey entwickeln muss.
Mit FinUp wollen wir nicht einfach ein weiteres Portfolio-Tool bauen. Wir entwickeln eine Plattform, die Investment-Workflows, Kundeninteraktionen, Compliance-Prozesse und das operative Monitoring in einer einzigen Umgebung zusammenführt. Ziel ist es, EAMs institutionelle Fähigkeiten zu geben und gleichzeitig ihre unternehmerische Flexibilität zu bewahren.
Oleg, Sie haben FinUp nach der Leitung Ihrer eigenen EAM-Struktur in der Schweiz gegründet. Welche Ineffizienzen haben Sie persönlich überzeugt, dass es neue Tools braucht?
Oleg Falikowitsch. Alles war manuell. Man erhält eine E-Mail-Bestätigung, wechselt ins nächste System, sucht den Kunden, aktualisiert Beratungsnotizen, speichert Dokumente separat – und wieder von vorne. Das führt zu enormen Ineffizienzen und erschwert die Sicherstellung von Vollständigkeit und Genauigkeit. Unser Ziel war es, den gesamten Prozess von der Investmentidee bis zur Ausführung des Trades und Ausführung abzubilden.
Viele Vermögensverwalter sprechen über KI, aber nur wenige haben konkrete Use Cases definiert. Welche operativen Probleme wollen Sie mit FinUp zuerst lösen?
Alexey Ivanov. Zum Beispiel Investmentvorschläge. Heute ist dieser Prozess über mehrere Tools fragmentiert. Mit FinUp sind Portfoliomodellierung, Compliance-Checks, Liquiditätsprüfung, Erstellung von Anlagevorschläge, Kundenfreigabe und Ausführung miteinander verbunden und integriert. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Monitoring der Alerts auf Instrumentenebene und klare Transparenz welche Portfolios es betrifft. Ziel ist nicht nur Automatisierung, sondern ein durchgängiger Workflow.
Welche falschen Annahmen haben kleinere Vermögensverwalter heute noch beim Thema KI?
Oleg Falikowitsch. Es gibt noch viel Zurückhaltung. Viele Häuser sorgen sich um Sicherheitsrisiken und stehen Cloud-Lösungen skeptisch gegenüber oder wissen nicht welche bankregulatorischen Datenvorgaben sie limitieren oder sie nutzen dürfen. In der Realität sind oft klassische IT-Infrastrukturen teilweise weniger sicher als moderne Cloud-Umgebungen.
Die grösste Fehlannahme ist die Vorstellung, der Markt bleibe unverändert. Die gesamte Branche wird sich weiterentwickeln, unabhängig davon, ob einzelne Akteure bereit sind oder nicht. Die Frage ist, ob EAMs diesen Wandel mitgestalten oder ihm hinterherlaufen.
Oleg Falikowitsch
FinUp
Oleg Falikowitsch ist seit über zwanzig Jahren im Private Banking tätig und hat zuvor IT-Beratung bei PwC und Deloitte geleistet. Nach Führungsfunktionen bei UBS und Clariden Leu wurde er Partner bei Sound Capital und gründete 2017 Blackfort Capital, seine eigene EAM. FinUp entstand aus dieser Erfahrung und einem tiefen Verständnis der EAM-Prozesslandschaft, mit dem Ziel, EAMs effizienter und skalierbarer zu machen.
Alexey Ivanov
FinUp
Alexey verantwortet die Produktstrategie und Entwicklung von FinUp. Er war acht Jahre bei McKinsey & Company tätig, zuletzt als Associate Partner, und beriet führende europäische Banken bei Cloud-, Technologie- und GenAI-Transformationen. Mit einem MBA der University of Cambridge und einem Hintergrund in Physik transformiert er fragmentierte EAM-Workflows in KI-gestützte Tools für Reporting, Marktintelligenz und Back-Office-Automatisierung.
