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„Die Integration unterschiedlicher Expertisen im Rahmen einer ganzheitlichen Strategie wird immer wichtiger werden”

Von Jérôme Sicard, Chefredaktor, SPHERE
Interview
Raphael Müller
Chief Executive Officer
Tramondo Investment Partners

Über die reine Verwaltung von Finanzanlagen hinaus suchen vermögende Familien heute zunehmend eine ganzheitliche Begleitung, die Investitionen, Steuerfragen, Vermögensstrukturierung und Governance umfasst. Für Raphael Müller stärkt diese Entwicklung die Relevanz des Multi-Family-Office-Modells und zwingt die Akteure der Vermögensverwaltung dazu, ihre Positionierung neu zu überdenken. 

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Wie hat sich das Modell des Multi Family Office in der Schweiz in den

Als ich vor zwölf Jahren zu Tramondo kam, drehten sich die Gespräche mit den Kunden noch weitgehend um Anlagechancen, Produkte und Performance. In den vergangenen drei bis vier Jahren habe ich jedoch einen tiefgreifenden Wandel beobachtet. Die Kunden beschäftigen sich heute deutlich stärker mit Risiken, der Widerstandsfähigkeit ihrer Portfolios und der langfristigen Erhaltung ihres Vermögens. Die Pandemie, geopolitische Spannungen, Inflation und Energiekrisen haben den Umgang vermögender Familien mit ihrem Vermögen grundlegend verändert. Sie stellen sich heute andere Fragen. Wie lässt sich dieses Vermögen schützen? Wie können die kommenden Generationen vorbereitet werden? Welche Strukturen eignen sich am besten, um Familienvermögen langfristig zu erhalten?

Diese Entwicklung hat die Bedeutung des Multi-Family-Office-Modells erheblich gestärkt. Die Verwaltung der Anlagen bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Kunden erwarten zunehmend integrierte Lösungen, die Investmentkompetenz, rechtliche und steuerliche Beratung sowie Vermögensstrukturierung miteinander verbinden.

Die Grenze zwischen unabhängigen Vermögensverwaltern und Multi Family Offices wird zunehmend fliessend. Wo liegt heute der eigentliche Unterschied zwischen diesen beiden Modellen?

Es stimmt, dass diese Unterscheidung weniger eindeutig geworden ist. Viele traditionelle Vermögensverwalter treten heute ebenfalls als Multi Family Offices auf. In der Realität bleiben viele von ihnen jedoch in erster Linie Anlageberater, die bei komplexeren Fragestellungen externe Partner beiziehen.

Für mich liegt der entscheidende Unterschied in der Struktur der Organisation und in ihrer Fähigkeit, das Vermögen einer Familie in all seinen Dimensionen zu begleiten, auch wenn diese sehr komplex sind.

Ein echtes Multi Family Office verbindet die Vermögensverwaltung mit Kompetenzen in den Bereichen Recht, Steuern, Trusts und Strukturierung. Wir sind kein reiner Anlageberater, der komplexe Fragestellungen an externe Partner delegiert. In all diesen Bereichen verfügen wir über qualifizierte Spezialisten innerhalb unserer Organisation.

Natürlich kann es vorkommen, dass wir punktuell externe Experten hinzuziehen. Die Gesamtkoordination bleibt jedoch in unserer Verantwortung.

Wo sehen Sie langfristig den grössten Mehrwert, den Sie Ihren Kunden bieten können?

Wie bereits erwähnt, liegt die grosse Stärke dieses Modells aus meiner Sicht darin, unterschiedliche Kompetenzen innerhalb einer Organisation zu vereinen, sei es im Bereich Investitionen, Recht, Steuern oder Vermögensstrukturierung. Für die Kunden bedeutet dieser Ansatz eine deutliche Reduktion der Komplexität und ermöglicht kohärentere Lösungen, weil Spezialisten eng zusammenarbeiten, dieselbe Vision verfolgen und gemeinsame Ziele haben.

Vermögensübertragung, Familien-Governance, Schutz von Vermögenswerten oder grenzüberschreitende Fragestellungen erfordern einen tatsächlich interdisziplinären Ansatz. Diese Fähigkeit, unterschiedliche Expertisen im Rahmen einer ganzheitlichen Strategie zu verbinden, wird in einem Umfeld zunehmender Komplexität und Unsicherheit noch wichtiger werden.

Wie haben Sie die Konstruktion Ihrer Portfolios in den vergangenen Jahren weiterentwickelt?

Unsere Anlagephilosophie ist bemerkenswert konstant geblieben. Wir setzen weiterhin auf transparente Qualitätsanlagen und investieren langfristig in internationale Unternehmen mit hervorragenden Fundamentaldaten. Im Bereich der alternativen Anlagen haben wir unsere Überzeugungen bei Anlageklassen wie Gold beibehalten, das eine wichtige Funktion als Wertspeicher und stabilisierendes Element in Portfolios erfüllt.

Generell konzentrieren wir uns stärker auf die Widerstandsfähigkeit der Portfolios, auf Liquidität, Konzentrationsrisiken und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Bestandteilen. Diversifikation bedeutet nicht, einfach die Anzahl der Positionen zu erhöhen, sondern Risiken zu verstehen, zu steuern und ihre Auswirkungen auf das Portfolio zu analysieren.

Wir prüfen kontinuierlich neue Technologien und KI-basierte Instrumente, die uns bereits in bestimmten Bereichen unterstützen. Bis heute haben wir jedoch noch keine Technologie gefunden, die unsere grundlegende Anlagephilosophie entscheidend verändert.

Was waren in den vergangenen Jahren die strategischen Prioritäten von Tramondo?

Die erste Priorität bestand darin, unsere Investmentkompetenzen weiter auszubauen. Wir haben neue Talente gewonnen und Partnerschaften im Bereich quantitative Forschung sowie bei Analyseinstrumenten auf Basis künstlicher Intelligenz aufgebaut.

Unser Ziel besteht nicht einfach darin, unter günstigen Marktbedingungen maximale Renditen zu erzielen. Wir konzentrieren uns darauf, robuste Portfolios aufzubauen, die auch Phasen von Spannungen und Unsicherheit überstehen können.

Eine weitere Priorität war der Aufbau einer starken Unternehmenskultur, indem wir Mitarbeitende gewinnen, die unsere Werte teilen: Teamgeist, Vertrauen und langfristiges Engagement.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Investitionen in Technologie und Infrastruktur. Wir haben unsere Systeme sowohl in der Vermögensverwaltung als auch in unseren Treuhandaktivitäten modernisiert, um über die notwendigen Instrumente für unsere weitere Entwicklung zu verfügen.

Welche Faktoren sind aus Ihrer Erfahrung entscheidend, um heute einen Relationship Manager erfolgreich zu integrieren?

Das Modell des Multi Family Office ist ein starker Magnet für Vermögensverwalter aus der Bankenwelt. Denn sie wechseln nicht einfach nur den Arbeitgeber. Sie schliessen sich vor allem einer Organisation an, die es ihnen ermöglicht, ihr Leistungsangebot zu erweitern.

Selbst wenn ein Kunde nicht unmittelbar eine steuerliche oder rechtliche Begleitung benötigt, schafft die Möglichkeit, diese Kompetenzen bei Bedarf einzubinden, einen echten Mehrwert. Dies erlaubt es den Vermögensverwaltern, vertieftere Gespräche mit ihren Kunden zu führen und sich als langfristige Berater zu positionieren, die über die reine Verwaltung von Finanzanlagen hinausgehen.

Dennoch bleibt die Rekrutierung in erster Linie ein Beziehungsgeschäft. Die besten Profile stammen häufig aus persönlichen Netzwerken und Empfehlungen. Die Identifikation der richtigen Personen erfordert Zeit und Geduld.

Noch wichtiger ist, dass Vermögensverwalter einen echten Teamgeist entwickeln. Die Zeit des Einzelkämpfers ist vorbei. Der Berater bleibt zwar im Zentrum der Kundenbeziehung, muss sich aber auf ein interdisziplinäres Team stützen können, das ganzheitliche Lösungen ermöglicht.

Welche sind heute neben der Rekrutierung die wichtigsten Wachstumstreiber für ein Multi Family Office oder einen unabhängigen Vermögensverwalter?

Eine der grössten Chancen liegt in unserer Fähigkeit, die Beziehung zu unseren Kunden weiter auszubauen. Vermögensübertragung, Nachfolgeplanung, Vermögensschutz und Strukturierung erzeugen eine wachsende Nachfrage nach Beratung, die über die reine Portfolioverwaltung hinausgeht. Gleichzeitig ermöglicht dies, bestehende Kundenbeziehungen weiter zu vertiefen. Je besser wir die Gesamtsituation eines Kunden verstehen, desto grösser ist unser Mehrwert.

Ein weiterer bedeutender Wachstumstreiber liegt in Technologie und künstlicher Intelligenz. Kunden werden der persönlichen Beziehung weiterhin grosse Bedeutung beimessen, gleichzeitig aber erwarten, dass ihre Berater bessere Instrumente einsetzen. Für Strukturen wie die unsere stellt dies eine echte Chance dar. Unsere Agilität ermöglicht es uns, neue Lösungen schnell zu übernehmen und auf spezialisierte Partner zurückzugreifen, anstatt alles selbst entwickeln zu müssen.

Auch die Grösse wird zu einem immer wichtigeren Faktor. Anforderungen in den Bereichen Regulierung, Cybersicherheit, Compliance und Reporting erfordern kontinuierliche Investitionen. Unternehmen müssen über eine ausreichende Dimension verfügen, um diese Anforderungen zu bewältigen und gleichzeitig eine persönliche Betreuung sicherzustellen.

Schliesslich setzen wir unsere geografische Entwicklung gezielt fort, wenn eine klare strategische Logik besteht. Australien beispielsweise ist für uns zu einem attraktiven Markt geworden. Das ist gut nachvollziehbar: Vermögende Familien sind zunehmend international ausgerichtet und verfügen über Interessen und Herausforderungen, die über nationale Grenzen hinausgehen.  

Biografie

Raphael Müller

Tramondo Investment Partners

Raphael Müller ist Chief Executive Officer von Tramondo Investment Partners und Mitglied des Investmentkomitees. Als Mitgründer der Gesellschaft leitete er während drei Jahren als Chief Investment Officer die Investmentstrategie sowie die Titelselektion der Fonds TWM Multi-Asset und Equity. Vor seinem Wechsel zu Tramondo als Portfolio Manager war er für Man Investments in der Schweiz, in London und Hongkong tätig. Zudem absolvierte er Teile seiner Ausbildung in den USA und Südkorea.

Raphael Müller verfügt über die CFA- und CAIA-Zertifizierungen sowie einen Master of Arts in Finance der Universität Zürich. 

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