Während unabhängige Vermögensverwalter ihre Entwicklung in einem Umfeld fortsetzen, das von regulatorischem Druck, Fragen zur kritischen Grösse und der zunehmenden technologischen Dynamik geprägt ist, beweist das EAM-Modell weiterhin seine Anpassungsfähigkeit. Claudio Mellini spricht im Interview über die strukturellen Entwicklungen, die den Sektor derzeit prägen.

Wie beurteilen Sie heute die Dynamik des Marktes für unabhängige Vermögensverwalter in der Schweiz?
Diese Dynamik ist eindeutig sehr positiv. EAM verzeichnen weiterhin ein solides Wachstum ihrer verwalteten Vermögen, getragen von einer Flexibilität, die Banken unter dem zunehmenden regulatorischen Druck teilweise verloren haben. Der massgeschneiderte Ansatz und die Fähigkeit, sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kunden zu orientieren, machen den entscheidenden Unterschied. Auch der Generationenwechsel spielt dabei eine wichtige Rolle. Die neuen Vermögensgenerationen suchen zunehmend nach unabhängigen Lösungen, die sie bei Banken nicht immer finden.
Zudem erkennen heute zahlreiche Banken, dass sie mit ihrem EAM-Geschäft häufig mehr Wachstum erzielen als mit ihrem klassischen Private Banking.
Hinzu kommt ein grundlegender Trend im Bereich Private Markets und Club Deals, der die Asset Allocation neu definiert und dem unabhängigen Sektor zusätzliche Chancen eröffnet.
Welche strukturellen Veränderungen werden den Beruf des unabhängigen Vermögensverwalters künftig prägen?
Der regulatorische Rahmen hat die Ausgangslage grundlegend verändert. Compliance, Risikomanagement, Governance und Geldwäschereibekämpfung gehörten bereits zuvor zu unserem Alltag. Die Einführung von FIDLEG und FINIG hat die Anforderungen jedoch deutlich erhöht. Die Vermögensverwalter müssen heute zahlreiche formale Anforderungen erfüllen, die früher nicht bestanden.
Organisationen einer gewissen Grösse sind heute in der Regel gut strukturiert. Sie verfügen über Geschäftsleitungen, klar verteilte Verantwortlichkeiten und arbeiten häufig mit spezialisierten externen Dienstleistern zusammen.
Die stärkere Formalisierung interner Prozesse hat zudem dazu beigetragen, Strukturen besser zu organisieren und die Transparenz zu erhöhen. Dadurch lassen sich auch die vom Gesetzgeber geforderten Kontrollen effizienter durchführen.
Die erwartete Konsolidierung hat hingegen nicht stattgefunden. Die Schweiz zählt weiterhin mehr als 1’500 von der FINMA bewilligte Vermögensverwalter, und jeder von ihnen legt grossen Wert auf seine unternehmerische Autonomie und seine Unabhängigkeit, insbesondere auch bei der Portfolioverwaltung.
Einzelne Zusammenschlüsse zwischen Vermögensverwaltern waren zwar erfolgreich, doch manche Gesellschaften entschieden sich später wieder für ihre Unabhängigkeit.
Die Zukunft wird zeigen, ob sich diese Situation verändert. Persönlich hoffe ich, dass der Schweizer Finanzplatz weiterhin Rahmenbedingungen bietet, unter denen auch kleinere Vermögensverwaltungsgesellschaften erfolgreich bestehen können. Sollten bestimmte Anforderungen, insbesondere im Bereich Eigenmittel, jedoch weiter verschärft und restriktiver ausgestaltet werden, würden wir wahrscheinlich eine Zunahme von Zusammenschlüssen beobachten.
Wichtig ist zudem, dass das Cross-Border-Geschäft innerhalb Europas heute zunehmend komplexeren Anforderungen unterliegt. Diese Einschränkungen begrenzen die Fähigkeit Schweizer Vermögensverwalter, Kunden in mehreren strategisch wichtigen europäischen Märkten von der Schweiz aus zu betreuen.
Dies betrifft insbesondere Tessiner Vermögensverwalter aufgrund der geografischen Nähe zu Italien, wo europäische Vorschriften besonders strikt angewendet werden.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, die meiner Einschätzung nach weiter zunehmen werden, hat unser Unternehmen entschieden, in Italien eine beaufsichtigte Beratungsgesellschaft zu eröffnen. Damit wollen wir einen strategisch wichtigen Markt weiterhin direkt vor Ort entwickeln.
Schliesslich wird auch die künstliche Intelligenz die Branche verändern, insbesondere im administrativen Bereich und im Back Office, aber auch in der Vermögensverwaltung selbst.
Grosse Banken können dafür erhebliche Budgets einsetzen. Für unabhängige Vermögensverwalter ist dies anspruchsvoller, auch wenn die heute verfügbaren Lösungen bereits deutliche Effizienzgewinne ermöglichen.
Welche Investmentphilosophie unterscheidet Capitalsuite in ihrem Markt?
Sich zu differenzieren, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Regeln, Märkte und Instrumente sind für alle Marktteilnehmer dieselben.
Unsere Philosophie basiert auf vier Säulen.
Erstens die Unabhängigkeit: Mit einer offenen Architektur verfügen wir über die notwendige Freiheit, gegenüber Banken die besten Lösungen auszuwählen.
Zweitens die Diversifikation: Sie bleibt ein zentraler Grundsatz unseres Berufs. Wir kombinieren aktive und passive Managementansätze je nach Anlageklasse.
Drittens die Qualität der Investments: Wir versuchen nicht, kurzfristigen Trends hinterherzulaufen, sondern verfolgen einen langfristigen Ansatz.
Und viertens das Risikomanagement: Es ist eine grundlegende Aufgabe jedes professionellen Vermögensverwalters.
Diese vier Säulen gelten sowohl für klassische Mandate bei einer Depotbank als auch für die ganzheitliche Betreuung einer Familie im Rahmen eines Family Office.
In diesem zweiten Fall geht unsere Rolle weit über den Kauf und Verkauf von Finanzinstrumenten hinaus. Wir begleiten die gesamte Vermögensstruktur und betrachten nicht nur die finanziellen Anlagen.
Wie bringen Sie aktive Allokationsentscheide und die langfristige strategische Ausrichtung der Portfolios ins Gleichgewicht?
Die strategische Asset Allocation ist das Ziel. Sie bleibt über die Zeit stabil, ausser wenn sich die Lebenssituation des Kunden grundlegend verändert, denn normalerweise ändern sich sein Risiko- und Renditeprofil nicht von einem Jahr zum anderen. Die taktische Asset Allocation hingegen beschreibt den Weg dorthin, und dieser hängt von den jeweiligen Marktbedingungen ab.
In den vergangenen Jahren wurden die Aktienmärkte, insbesondere in den USA, von einer kleinen Zahl dominanter Titel getragen. Aktive Fonds mit breiterer Diversifikation konnten diese Entwicklung nicht immer gleich gut nachvollziehen wie passive Indizes.
Wir haben deshalb einen Teil unserer Aktienexposure in passive Anlagen verlagert. Bei Anleihen hingegen konnten die von uns ausgewählten aktiven Fonds ihre Vergleichsindizes weiterhin übertreffen, weshalb wir an ihnen festgehalten haben.
Jede Investmentgesellschaft verfolgt ihren eigenen Ansatz auf Basis ihrer Erfahrung. Unsere Vorgehensweise ist lediglich ein Beispiel unter vielen. Entscheidend ist für uns vor allem, ein durch Emotionen getriebenes Market Timing zu vermeiden.
Wie hat das aktuelle makroökonomische Umfeld mit höherer Volatilität Ihre Art verändert, Portfolios aufzubauen und zu diversifizieren?
Die eingesetzten Instrumente entwickeln sich mit den jeweiligen Marktbedingungen weiter.
Aktuell haben wir unser Engagement im High-Yield-Bereich reduziert und zugunsten von Investment-Grade-Anleihen sowie hochwertigen Staatsanleihen angepasst.
Um die Diversifikation weiter zu erhöhen, setzen wir verstärkt auf strukturelle Themen, die gleichzeitig den Erwartungen unserer Kunden entsprechen. Dazu gehören beispielsweise künstliche Intelligenz, Langlebigkeit und Gesundheit, saubere Energie, Klima und Umwelt sowie natürliche Ressourcen.
Diese Themen ermöglichen es, Portfolios aufzubauen, die besser auf das heutige Marktumfeld abgestimmt sind.
Welchen Stellenwert haben alternative Anlagen heute in Ihrer Asset Allocation?
Wir setzen zunehmend darauf, allerdings vor allem bei grösseren Portfolios aufgrund der damit verbundenen Liquiditätsanforderungen.
Alternative Anlagen interessieren Kunden vor allem deshalb, weil sie Renditequellen bieten, die sich von traditionellen Märkten unterscheiden. Sie können dazu beitragen, die Portfoliodiversifikation zu verbessern, die Abhängigkeit von klassischen Anlageklassen zu reduzieren und den Zugang zu weniger börsennahen Investitionsmöglichkeiten zu erweitern.
Wie verändern Technologie und Datenanalyse Ihre Entscheidungsprozesse im Investmentbereich?
Die Technologie ermöglicht es uns, Datenmengen zu verarbeiten, die wir manuell nicht bewältigen könnten, sei es beim Vergleich von Titeln, bei der Analyse eines Anlageuniversums oder beim Abgleich von Portfolios mit ihren Benchmarks.
Künstliche Intelligenz beschleunigt unsere Analysen und macht sie umfassender. Die endgültige Entscheidung bleibt jedoch weiterhin dem Menschen vorbehalten, zumindest zum heutigen Zeitpunkt.
Jede Investition wird durch unser Managementteam geprüft, das heute in der Lage ist, ein Instrument mit einem wesentlich breiteren Vergleichsuniversum zu analysieren als früher.
Auch die Portfolio-Management-Systeme selbst werden in den kommenden Monaten und Jahren zunehmend diese neuen Möglichkeiten integrieren und Funktionen anbieten, die heute noch nicht existieren.
Claudio Mellini
Capitalsuite
Claudio Mellini ist CEO von Capitalsuite, einer unabhängigen Vermögensverwaltungsgesellschaft, die er 2006 in Lugano gegründet hat. Er begann seine Karriere bei der Swiss Bank Corporation in Zürich als Kreditanalyst, bevor er zur Banca del Gottardo in Lugano wechselte, wo er verschiedene Funktionen in den Bereichen Treasury, Private Banking und Kundenberatung übernahm. Anschliessend war er an der Gründung einer Fondsgesellschaft in Luxemburg beteiligt, bevor er Capitalsuite gründete. Er engagiert sich aktiv in der Branche und ist Mitglied des Verwaltungsrats der Schweizerischen Vereinigung unabhängiger Vermögensverwalter (VSV-ASG). Claudio Mellini verfügt über einen Abschluss in Betriebswirtschaft der Universität Bern.
