Zwischen Kapitalkonzentration, ausgefeilten Prozessen und erhöhtem Leistungsdruck verändert das Venture Capital seine Grössenordnung und seinen Charakter. Für Michael Sidler, Mitbegründer von Redalpine, bedeutet dieser Wandel keinen Bruch, sondern eine zunehmende Reife, bei der Gründlichkeit, Auswahl und Begleitung entscheidender denn je werden.

Welche strukturellen Veränderungen werden Ihrer Meinung nach die Venture-Capital-Landschaft in den nächsten Jahren prägen?
Weltweit lassen sich zwei Hauptentwicklungen feststellen. Die erste ist der Aufschwung dessen, was manchmal als "Big VC" bezeichnet wird. Milliardenschwere Fonds investieren grosse Summen in eine begrenzte Anzahl von Technologieunternehmen, häufig an der Seite von Staaten und Grossunternehmen. Dadurch entstehen mächtige Ökosysteme, die um kritische Technologien herum eingesetzt werden.
Diese Dynamik lässt sich bei Akteuren wie SpaceX oder OpenAI beobachten. Regierungen betrachten bestimmte Technologien zunehmend als strategische Vermögenswerte. Sie unterstützen daher die mit ihnen verbundenen Ökosysteme durch öffentliche Massnahmen. Für Risikokapitalgeber schafft dies aussergewöhnliche Möglichkeiten, führt aber auch eine Form der politischen Abhängigkeit ein.
Die zweite Transformation betrifft die künstliche Intelligenz nicht nur als Investitionsthema, sondern auch als Technologie, die den Prozess des Venture Capitals selbst neu definiert. KI ermöglicht es, Tausende von Möglichkeiten zu analysieren und vielversprechende Fälle zu identifizieren. Dennoch bleibt Risikokapital grundsätzlich eine menschliche Tätigkeit. Die Bewertung von Gründern und die Begleitung von Unternehmern beruhen immer noch auf menschlichen Interaktionen.
Wie hat sich die Wahrnehmung von Venture Capital bei den Anlegern im aktuellen Zins- und Liquiditätsumfeld verändert?
Venture Capital funktioniert in Zyklen. Zwischen 2013 und 2022 erlebte der Markt eine lange Expansionsphase, in der die Bewertungen stiegen und viele neue Fonds hinzukamen. Viele Investoren hatten zuvor noch nie eine Abschwungphase durchlaufen.
Als die Zinssätze stiegen und die Bewertungen korrigiert wurden, verzeichneten einige zum ersten Mal Verluste. Daraufhin kehrte sich die Stimmung schlagartig um. Heute ist kein Rückzug aus dem Venture Capital zu beobachten, sondern vielmehr eine sehr deutliche "flight to quality"-Bewegung. Die Anleger sind zwar weiterhin aktiv, aber sie sind viel selektiver und bevorzugen Managementteams mit einem soliden Track Record.
Was unterscheidet Venture Capital heute von Private Equity hinsichtlich des Investitionsansatzes, des Zeithorizonts und der Wertschöpfung?
Es handelt sich um zwei grundsätzlich verschiedene Anlageklassen. Private Equity erwirbt in der Regel Mehrheitsbeteiligungen an etablierten Unternehmen, häufig von anderen Anteilseignern, strukturiert dann die Betriebe um und optimiert die operative Effizienz, bevor es seine Beteiligung veräussert.
Im Gegensatz dazu sind Risikokapitalgeber Minderheitsaktionäre, die in der Regel zwischen 10 % und 20 % des Kapitals halten. Die eingespeisten Mittel dienen der direkten Finanzierung des Unternehmenswachstums und nicht dem Aufkauf bestehender Anteile.
Ziel ist es, talentierte Gründer zu begleiten und ihre Fähigkeiten zu stärken. Wenn die Gründer nicht gut genug sind, investieren wir nicht. In diesem Sinne geht es bei Venture Capital um die Gründung neuer Unternehmen und Industrien, während Private Equity auf die Verbesserung und den Ausbau bestehender Unternehmen abzielt.
Sehen Sie Konvergenzen, die sich zwischen Venture Capital und Private Equity abzeichnen?
Ich sehe einige. Die erste betrifft die Exits. Einige der mit Risikokapital finanzierten Unternehmen werden von Private-Equity-Fonds aufgekauft, sobald sie eine bestimmte Grösse erreicht haben. Dies stellt dann einen natürlichen Ausstiegsweg dar.
Eine weitere Konvergenz betrifft die Wertschöpfung. VC-Fonds übernehmen zunehmend strukturierte Ansätze, die von Private Equity inspiriert sind. Bei Redalpine zum Beispiel begleiten wir die Gründer bei der Rekrutierungsstrategie, der Strukturierung der Organisation, der kommerziellen Umsetzung, der internationalen Expansion und der anschliessenden Kapitalbeschaffung. Diese Methoden ermöglichen es jungen Unternehmen, sich schneller zu professionalisieren. Trotz dieser Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die beiden Modelle nach wie vor grundlegend voneinander.
Wie passen VC-Fonds ihre Strategien angesichts längerer Ausstiegszyklen und selektiverer Finanzierungsbedingungen an?
Es besteht die Wahrnehmung, dass Ausstiege extrem schwierig geworden sind, aber die Realität ist differenzierter. Wenn man die Sondereffekte des Covid-Zeitraums neutralisiert, ist die Exit-Aktivität in Europa in Wirklichkeit nahe an einem Zehnjahreshoch.
In unserem eigenen Portfolio beobachten wir nach wie vor eine gesunde Anzahl von Abgängen. Die Rede von einer "Dürre" bei den Exits spiegelt vor allem die Erfahrung von Fonds wider, die in den Jahren der Euphorie auf den Markt gekommen sind und nie eine Korrektur erlebt haben. In Wirklichkeit kehrt der Markt lediglich zu einem normaleren Umfeld zurück.
Wie ist der aktuelle Stand des Risikokapitalmarktes in der Schweiz und wie ist er im Vergleich zu den grossen Innovationszentren?
Im Bereich der Innovation hat die Schweiz ein aussergewöhnlich starkes Ökosystem entwickelt, insbesondere rund um die ETH Zürich und die EPFL. Die Qualität der technologischen Innovation ist hier sehr hoch. Die grösste Herausforderung liegt auf der Finanzierungsseite. Ein Grossteil des in Schweizer Startups investierten Kapitals stammt von internationalen Investoren, insbesondere aus den USA. Dies zeugt zwar von der Attraktivität der Schweizer Innovation, bedeutet aber auch, dass ein grosser Teil der finanziellen Rückflüsse ins Ausland fliesst.
Die strukturelle Schwäche Europas liegt vor allem im Bereich des Growth Capital. Die Frühphasenfinanzierung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verbessert, aber der Abstand zu den USA bleibt gross, wenn die Unternehmen ein fortgeschrittenes Entwicklungsstadium erreichen.
Welche Sektoren oder Technologien ziehen die Aufmerksamkeit der Investoren in der Schweiz und in Europa am meisten auf sich?
Ein Grossteil der Innovation in der Schweiz geht von der ETH Zürich und der EPFL aus, was die Dynamik in Bereichen wie Robotik, Drohnen, künstliche Intelligenz und Deep Tech erklärt.
Auch andere Bereiche stossen auf wachsendes Interesse, darunter Fintech, synthetische Biologie, Biotechnologie und fortschrittliche Materialien. Insgesamt zeichnen sich die Schweiz und Europa heute als besonders starke Ökosysteme für Spitzentechnologien aus.
Was wird in Zukunft erfolgreiche von schwierigen Venture-Capital-Akteuren unterscheiden?
Einer der grössten Fehler ist es, sich zu sehr auf einen einzigen Sektor zu spezialisieren. Die Anlagethemen entwickeln sich in Wellen - Krypto, Foodtech, ESG oder Verteidigungstechnologie. Sich ausschliesslich auf ein Thema zu konzentrieren, setzt das gesamte Portfolio diesen Zyklen aus. Bei Redalpine verfolgen wir einen generalistischen und diversifizierten Ansatz über mehrere Technologiewellen hinweg.
Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Zusammensetzung der Investmentteams. Fast die Hälfte unserer Mitarbeiter sind Wissenschaftler, was uns ein tiefgreifendes Verständnis komplexer Technologien und einen Dialog auf Augenhöhe mit den Gründern ermöglicht.
Schliesslich beruht der Erfolg zunehmend auf Disziplin und Prozessen. Wir analysieren jedes Jahr über 5.000 Dossiers, um dann nur ein Dutzend auszuwählen. Um die wenigen Unternehmen zu identifizieren, die den Grossteil der Leistung erbringen, bedarf es eines äusserst rigorosen Ansatzes.
Entwickelt sich Venture Capital in Bezug auf Reife, Disziplin und Wertschöpfung zum neuen Private Equity?
Disziplin war bei Venture Capital schon immer von entscheidender Bedeutung, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung manchmal etwas anderes suggeriert. In dieser Anlageklasse stammt die Mehrheit der Renditen von ein oder zwei aussergewöhnlichen Unternehmen. Die Herausforderung besteht darin, diese "Outliers" zu identifizieren und sie zu begleiten, damit sie ihr Potenzial voll ausschöpfen können.
Risikokapital ist im Laufe der Zeit professioneller und strukturierter geworden. Seine grundlegende Aufgabe unterscheidet sich jedoch nach wie vor von der des Private Equity. Es geht darum, die nächste Generation von Unternehmen aufzubauen, und nicht darum, die bereits bestehenden Unternehmen umzustrukturieren.
Verändern Evergreen-Strukturen und Sekundärmärkte das Modell des Venture Capital?
Ja, potenziell in erheblichem Masse. Traditionelles Venture Capital beruht auf geschlossenen Fonds mit langen Sperrfristen, Kapitalabrufen und dem berühmten J-Curve-Effekt. Für viele Investoren, insbesondere Privatanleger, ist diese Struktur schwer zugänglich und wenig kompatibel mit einer Haltung über ein klassisches Bankkonto.
Bei Redalpine haben wir eine Evergreen-Plattform, den Summit Fund, entwickelt, der sowohl in unsere Early Stage-Fonds als auch direkt in reifere Unternehmen aus unserem Portfolio oder dem Ökosystem investiert.
Der Vorteil liegt in der Flexibilität. Investoren können auf Venture Capital zugreifen, ohne sich an eine starre Zehnjahresstruktur zu binden, während wir kontinuierlich reinvestieren und unsere besten Beteiligungen begleiten können. Gleichzeitig könnte die Entwicklung der Sekundärmärkte mehr Liquidität in diese Anlageklasse bringen.
