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«Die stärkste Neubewertung an einem Bullenmarkt seit 2010»

Interview
Maximilian Kunkel
Chief Investment Officer
UBS, Global Family & Institutional Wealth
Von Jérôme Sicard, chefredakteur, SPHERE

Die Märkte bewegen sich weiterhin in einem anspruchsvollen Spannungsfeld zwischen hohen Bewertungen, unsicheren geldpolitischen Rahmenbedingungen und anhaltenden geopolitischen Risiken. Maximilian Kunkel sieht bei Aktien weiterhin Potenzial, getragen von einer breiter abgestützten Gewinnentwicklung. Im Anleihenbereich bevorzugt er ausgewählte Segmente und behält gleichzeitig Inflation, Zinsen und die fiskalischen Risiken genau im Auge.

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Welche sind die wichtigsten Risiken und Chancen, die Sie für Anleger mit Blick auf die letzten Monate des Jahres 2026 sehen?

Wir gehen mit einer konstruktiven, aber selektiven Einschätzung in die letzten Monate des Jahres 2026, insbesondere bei Aktien. Die wichtigste Chance sehen wir in einer Verbreiterung der Rally, die zunehmend von der Gewinnentwicklung getragen wird. Über längere Zeit konzentrierte sich der Markt vor allem auf Halbleiter und Energie. Nun zeigt sich, dass die Gewinnentwicklung sowohl in den USA als auch weltweit an Dynamik und Breite gewinnt. Damit dürfte sich auch die Marktbreite weiter verbessern.

Besondere Chancen sehen wir innerhalb des Technologiesektors jenseits der Halbleiter, unter anderem bei den Hyperscalern, aber auch in Bereichen wie Finanzwerten und Industrieunternehmen.

Auf der Risikoseite sehen wir drei wesentliche Faktoren. Erstens einen anhaltenden Ölpreisschock, der den Disinflationstrend umkehren und weitere Zinserhöhungen auslösen könnte. Zweitens eine mögliche Enttäuschung bei der Monetarisierung von KI nach einem sehr umfangreichen Investitionszyklus. Drittens könnten fiskalische Belastungen und ein hohes Volumen an Staatsanleiheemissionen die langfristigen Renditen auf erhöhtem Niveau halten. Dies wiederum könnte zusätzlichen Druck auf die Bewertungen ausüben.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Aussichten für das globale Wachstum, insbesondere vor dem Hintergrund der robusten US-Wirtschaft und der zunehmend unterschiedlichen Entwicklung der grossen Volkswirtschaften?

Die Weltwirtschaft bleibt robust. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Wachstumsdynamik ausserhalb der KI zunimmt, insbesondere in Bereichen mit einem starken Fokus auf die verarbeitende Industrie, etwa in der Eurozone. Dies zeigt sich deutlich in den PMI-Daten aus den USA, Japan, der Eurozone und Grossbritannien.

Insgesamt deuten die Daten eher auf einen Aufwärtsrevisionszyklus als auf eine Rezession hin.

Zwischen den USA und Europa besteht weiterhin ein deutlicher Abstand. Insgesamt präsentiert sich das Bild jedoch weiterhin robust, wobei sich die Aktivität in der verarbeitenden Industrie zunehmend auch ausserhalb der KI-bezogenen Sektoren verbessert.

Die US-Aktienmärkte haben starke Renditen erzielt, während sich die Marktperformance zunehmend auf eine relativ kleine Zahl von Unternehmen konzentriert. Inwieweit bereiten Ihnen die aktuellen Bewertungen Sorgen?

Die Bewertungen sind zweifellos hoch, entsprechend ist der Spielraum für eine weitere Ausweitung der Multiples begrenzt. Ich möchte dazu jedoch drei Punkte hervorheben.

Erstens haben wir seit Jahresbeginn das stärkste De-Rating in einem Bullenmarkt seit 2010 erlebt. Das Gewinnwachstum der US-Unternehmen war deutlich stärker als die Kursgewinne an den Aktienmärkten. In diesem Sinne sind die Märkte heute tatsächlich günstiger bewertet als zu Jahresbeginn.

Zweitens sind es nicht die Bewertungen, sondern das Gewinnwachstum und die Zinsen, die die Aktienmärkte über einen Zeithorizont von zwölf Monaten typischerweise bestimmen. Wie bereits erwähnt, sehen wir ein Gewinnwachstum, das sowohl in den USA als auch ausserhalb an Dynamik und Breite gewinnt.

Drittens sind wir bei den Zinsen der Ansicht, dass die Märkte weiterhin unterschätzen, in welchem Ausmass sich die Geldpolitik von hier aus noch weiter straffen könnte.

Die Bewertungen sind damit zwar nicht günstig. Das Zusammenspiel aus stärkerem Gewinnwachstum und einem weniger restriktiven geldpolitischen Kurs spricht jedoch klar für Aktien.

Wie positionieren Sie die Portfolios in einem Umfeld, das von anhaltender geopolitischer Unsicherheit, veränderten Handelsdynamiken und zunehmend divergierenden geldpolitischen Kursen geprägt ist?

Wir konzentrieren uns auf Bereiche mit robustem nominalem Wachstum und versuchen gleichzeitig, die Auswirkungen zwischenzeitlicher Volatilität zu begrenzen.

Dabei setzen wir auf zentrale strukturelle Innovationsthemen, darunter KI, Energie und Rohstoffe sowie Langlebigkeit. Gleichzeitig richten wir den Blick auf Bereiche, die vom konjunkturellen Aufschwung profitieren, etwa Finanzwerte und Industrieunternehmen.

Im Fixed-Income-Bereich ergänzen wir Aktienengagements mit qualitativ hochwertigen Anleihen. Auch ein Engagement in Rohstoffen kann aus unserer Sicht sinnvoll sein, da es zusätzlichen Schutz vor geopolitischen Entwicklungen und möglicherweise auch vor einer Schwäche des US-Dollars bieten kann.

Kevin Warsh hat in Jackson Hole erneut die anhaltende Inflation betont. Müssen wir nun mit einer Zinserhöhung im September rechnen?

Die Botschaft von Warsh war klar: Die Inflation bleibt das zentrale Problem, und höhere Zinsen sind das wichtigste Instrument, um darauf zu reagieren. Allerdings ist er kein traditioneller Fed-Chef, weshalb die Rede wohl kaum als konkrete Orientierung für die nächste geldpolitische Sitzung gedacht war.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass der CPI-Bericht für August weitere Hinweise auf eine nachlassende Inflation liefern wird. Daher gehen wir mit knappem Vorsprung davon aus, dass die Fed ihre Zinsen im September unverändert lassen wird.

Nach den starken Bewegungen an den Anleihenmärkten in diesem Jahr: Wo sehen Sie die attraktivsten Chancen im Fixed-Income-Bereich?

Die Renditen sind deutlich gestiegen, wodurch sich der Einstiegspunkt für Anleihen erheblich verbessert hat. Wir erwarten, dass die EZB die Zinsen im September noch einmal um 25 Basispunkte anheben wird. Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass die Fed, die Bank of England und die SNB ihre Zinsen bis Ende Jahr unverändert lassen werden.

Zweijährige Anleihen bieten unserer Ansicht nach einen attraktiven Carry und dürften am stärksten reagieren, wenn sich die Zinserwartungen abschwächen. Genau dieses Szenario würden wir bevorzugen.

Auch mittlere Laufzeiten bieten unserer Einschätzung nach bei sinkenden Renditen potenziell ein attraktiveres Rendite-Risiko-Profil.

Unsere Präferenzen liegen bei hochwertigen Staatsanleihen und Investment-Grade-Anleihen. Bevorzugt werden Laufzeiten von zwei bis sechs Jahren in US-Dollar und britischen Pfund sowie von zwei bis zehn Jahren in Euro und Schweizer Franken.

Bei Laufzeiten von mehr als zehn Jahren sind wir hingegen sehr vorsichtig.

Biografie

Maximilian Kunkel

UBS

Maximilian Kunkel ist seit Mai 2020 Chief Investment Officer Global Family & Institutional Wealth bei der UBS und fungiert bereits seit Januar 2017 als Regional Chief Investment Officer Germany & Austria. Begonnen hat er seine Karriere als Graduate Trainee bei der UBS von 2006 bis 2007. Kunkel hat einen Master of Science an der London School of Economics absolviert. Zuvor hatte er einen Bachelor of Science in Business Management am King‘s College London erworben.

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