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Strategische Daten als nächster Treiber der Wertschöpfung

Iavor Tzolov
Gründer
Mercury Metrics

In einer Welt, in der finanzielle Expertise zunehmend zur Grundvoraussetzung wird, entwickelt sich die Qualität des Kundenverständnisses zu einem echten Differenzierungsmerkmal. Iavor Tzolov zeigt auf, weshalb die systematische Strukturierung von Beziehungswissen – das lange Zeit auf einzelne Personen, Teams und Systeme verteilt war – künftig zu einem zentralen strategischen Vermögenswert für Vermögensverwalter und Privatbanken werden dürfte.

Iavor_Tsolov

Über viele Jahre hinweg beruhte der Wettbewerbsvorteil von Vermögensverwaltern und Privatbanken vor allem auf finanzieller Expertise, der Qualität der Beratung, starken Beziehungsnetzwerken und dem Zugang zu attraktiven Anlagemöglichkeiten. Diese Faktoren bleiben selbstverständlich essenziell. Zunehmend entwickeln sie sich jedoch von echten Differenzierungsmerkmalen zu grundlegenden Voraussetzungen des Geschäfts.

Der Zugang zu Finanzinformationen hat sich stark demokratisiert. Analysetools werden standardisiert. Die Ausführungsfähigkeiten gleichen sich immer stärker an. Technische Kompetenz bleibt unverzichtbar, reicht jedoch allein nicht mehr aus, um einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund verschiebt sich die Wertschöpfung grundlegend: Differenzierung entsteht nicht mehr ausschliesslich durch finanzielle Kompetenz, sondern durch die Fähigkeit, ein tieferes und strukturierteres Verständnis des Kunden und seines Umfelds zu entwickeln.

Genau an diesem Punkt werden Daten strategisch.

Allerdings wird das Thema häufig falsch eingeordnet. Daten werden noch immer primär aus technologischer, regulatorischer oder operativer Perspektive betrachtet. Tatsächlich geht es jedoch in erster Linie um Kundenverständnis und Wertschöpfung.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur, welche Daten erhoben werden sollen, sondern weshalb sie erhoben werden, wie sie strukturiert werden und vor allem, wie sie in verwertbares Kundenwissen für Entscheidungen und die strategische Steuerung übersetzt werden können.

Dabei ist es wichtig, mehrere Ebenen zu unterscheiden, die oft miteinander vermischt werden.

Daten sind zunächst Rohmaterial: eine Interaktion, eine Transaktion, eine Vermögensinformation, ein beobachtetes Verhalten oder ein Gespräch mit einem Kunden. Für sich allein genommen besitzen diese Daten nur begrenzten Wert. Werden sie strukturiert und in einen Kontext gesetzt, entstehen daraus Informationen. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch erst dann, wenn diese Informationen zu nutzbarem Wissen führen – zu einem besseren Verständnis der Bedürfnisse, Verhaltensweisen oder potenziellen Risiken eines Kunden und damit zu fundierteren Entscheidungen sowie einer höheren Qualität der Kundenbeziehung.

Gerade in der Vermögensverwaltung ist dieser Aspekt von besonderer Bedeutung, denn die strategisch wertvollsten Daten sind häufig nicht rein finanzieller Natur. Sie betreffen vielmehr die relationalen, verhaltensbezogenen und vermögensrelevanten Dimensionen des Kunden: familiäre Dynamiken, Risikosensibilität, Verhalten in Stresssituationen, Nachfolgeabsichten, sich verändernde Bedürfnisse, das tatsächliche Vertrauensniveau oder auch die Abhängigkeit von einzelnen Ansprechpartnern.

Dieses Wissen ist innerhalb vieler Institute jedoch nach wie vor stark fragmentiert. Ein erheblicher Teil des Werts basiert auf einem diffusen menschlichen Erfahrungswissen, das auf verschiedene Mitarbeitende, Teams und Systeme verteilt ist. In vielen Fällen bleibt dieses Wissen implizit, wenig strukturiert und nur schwer übertragbar.

Diese Fragmentierung schafft mehrere bedeutende Schwachstellen.

Zunächst erhöht sie die Abhängigkeit von einzelnen Relationship Managern oder Schlüsselpersonen, die zu den Hauptträgern des Kundenwissens werden. Bleibt dieses Wissen weitgehend persönlich und wird nicht institutionell verankert, steigen die Risiken bei Personalwechseln, Nachfolgeregelungen, Reorganisationen oder Wachstumsphasen zwangsläufig.

Zudem erschwert sie es Organisationen, eine konsistente und ganzheitliche Sicht auf ihre Kundenbeziehungen zu entwickeln. Wichtige schwache Signale können isoliert bleiben, Chancen unentdeckt bleiben und relationale oder vermögensbezogene Risiken lange unsichtbar bleiben, bis sie kritisch werden.

Schliesslich beeinträchtigt diese Verteilung auch die kollektive Lernfähigkeit von Institutionen. Ein erheblicher Teil der über Jahre aufgebauten Erfahrung lässt sich auf Organisationsebene nur begrenzt nutzen, weil sie nie ausreichend strukturiert wurde, um zu einem echten Wissenskapital zu werden.

In einer Branche, in der Nachfolge, Konsolidierung und Rekrutierung zunehmend zu strategischen Herausforderungen werden, gewinnt diese Fragestellung erheblich an Bedeutung. Zwei Institute mit vergleichbaren finanziellen Kennzahlen können in Wirklichkeit sehr unterschiedliche Resilienzprofile aufweisen – abhängig davon, wie gut sie ihr Kundenwissen strukturieren, bewahren und weitergeben.

Damit wird die zentrale Frage weniger technologischer als vielmehr intellektueller und strategischer Natur: Wie lässt sich dieses verstreute Wissen in ein strukturiertes, teilbares und kollektiv nutzbares Verständnis überführen?

Im Kern geht es darum, weitgehend persönliches und implizites Wissen in ein echtes institutionelles Gedächtnis zu verwandeln.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, die Kundenbeziehung zu standardisieren oder zu entmenschlichen. Im Gegenteil: Ziel ist es, jenes menschliche Verständnis, das den Kern dieses Berufs ausmacht, besser zu bewahren, weiterzugeben und kontinuierlich anzureichern.

Langfristig könnte genau diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Differenzierungsfaktor für die Akteure der Branche werden.

Denn letztlich basiert die Vermögensverwaltung auf einem weitgehend unsichtbaren Kapital: der Qualität des Kundenverständnisses und der Tiefe der aufgebauten Beziehung. Institute, denen es gelingt, dieses Beziehungswissen in einen strukturierten Vermögenswert zu verwandeln, werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich über einen erheblichen strategischen Vorteil verfügen.

 

Biografie

Iavor Tzolov

Mercury Metrics

 Iavor Tzolov ist der Gründer von Mercury Metrics, einer Analyselösung, mit der Privatbanken und Verwaltungsgesellschaften die Kompetenzen ihrer Kundenbetreuer im Bereich Beziehungsmanagement bewerten und vergleichen können. Nachdem er als Leiter Strategie und Entwicklung bei Piguet Galland in Genf tätig war, gründete er Ortogon, eine Struktur, die Entscheidungsträger und Unternehmer bei komplexen strategischen und operativen Herausforderungen unterstützt. Iavor ist ausserdem Mitbegründer von Venture Mills, einer Initiative zur Unterstützung von Start-ups im Bereich Fintech und digitale Transformation. 

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