Die aussergewöhnlich starke Konzentration der Börsenperformance auf Technologie- und KI-Werte hält die Märkte weiterhin im Griff weniger dominanter Titel. Für Nicolas Bickel stehen bei der Asset Allocation deshalb zunehmend die Qualität des Wachstums, die Nachhaltigkeit der Gewinne und die Diversifikation der Renditequellen im Vordergrund – in einem makroökonomischen Umfeld, das immer komplexer wird.

Inwieweit ist heute eine breitere Rotation über Anlageklassen und Regionen hinweg denkbar, obwohl Technologiewerte und das KI-Thema weiterhin eine dominierende Stellung einnehmen?
Die Sektorrotationen, die der Markt seit der Erholung von 2023 immer wieder erwartet hat, waren letztlich nie von Dauer. Die Kapitalflüsse kehren systematisch zu den grossen Technologie- und KI-Unternehmen zurück. Noch immer konzentriert sich ein sehr grosser Teil der Marktperformance auf eine Handvoll Titel.
Man muss allerdings anerkennen, dass diese Dominanz auf sehr soliden Fundamentaldaten beruht. Wir sprechen von Unternehmen mit aussergewöhnlichem Gewinnwachstum. Der Markt kauft nicht bloss Versprechen, sondern sehr reale Umsätze und Cashflows.
Die entscheidende Frage betrifft mittlerweile die Nachhaltigkeit dieses Wachstums. Ein grosser Teil der heutigen Gewinne stammt aus dem gewaltigen Investitionszyklus rund um KI-Infrastrukturen und Rechenzentren. Irgendwann müssen sich die von der künstlichen Intelligenz versprochenen Produktivitätsgewinne auf die gesamte Wirtschaft ausweiten und auch anderen Sektoren zugutekommen. Erst dann dürfte sich die Marktperformance breiter abstützen.
Das alternative Szenario wäre eine zunehmende Skepsis hinsichtlich der Fähigkeit des Sektors, dieses Wachstumstempo und diese aussergewöhnlichen Margen aufrechtzuerhalten. Jede technologische Revolution führt letztlich entweder zu einigen wenigen dominanten Akteuren oder zu intensivem Margendruck, sobald Produkte vergleichbar werden. Das ist heute eine zentrale Fragestellung.
Wie passt Edmond de Rothschild die Asset Allocation an ein Umfeld an, das gleichzeitig von geopolitischen Spannungen, einer Fragmentierung des Welthandels und weniger berechenbaren Geldpolitiken geprägt ist?
Unsere Arbeit basiert auf drei Pfeilern. Der erste ist die langfristige strategische Asset Allocation. Wir gehen davon aus, dass die Welt in ein neues Regime eintritt – mit strukturell höherer Inflation, dauerhaft höheren Zinsen, einer stärkeren Verlagerung der Produktion näher an die Endmärkte und weniger vorhersehbaren geldpolitischen Rahmenbedingungen.
Auf dieser Basis bauen wir robuste und widerstandsfähige Portfolios auf, die unterschiedliche Wirtschaftsregime durchstehen können. Wir testen unsere Allokationen unter Inflations-, Rezessions- und Deflationsszenarien, um eine möglichst solide Faktorendiversifikation zu erreichen.
Der zweite Pfeiler ist taktischer Natur. Wir passen die Portfolios an geopolitische Ereignisse oder kurzfristige Marktbewegungen an. Historisch gesehen hatten Konflikte nur selten nachhaltige Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die Korrekturen fallen oft heftig aus, bleiben aber vergleichsweise kurz. Das bedeutet nicht, dass Risiken ignoriert werden sollten, sondern dass Portfolios nicht ausschliesslich von den Ängsten des Augenblicks bestimmt werden dürfen.
Der dritte Pfeiler betrifft die konkrete Umsetzung. Dabei geht es um die Sektoren, Faktoren und Anlagethemen, die wir auswählen, um eine zu starke Abhängigkeit von denselben Performancetreibern zu vermeiden.
Wie lässt sich Diversifikation in Portfolios optimieren, wenn die Märkte zunehmend von struktureller Inflation und dauerhaft höheren geopolitischen Risikoprämien ausgehen?
Die grösste Herausforderung ist heute eindeutig der Anstieg der Korrelationen zwischen den Anlageklassen. Anleger haben lange Zeit in einem Umfeld investiert, in dem Anleihen ihre Rolle als natürlicher Stabilisator erfüllten, wenn Aktien korrigierten. In einem inflationären Regime kann dieser Mechanismus deutlich weniger wirksam sein.
Bleibt die Inflation hoch, könnten die Zentralbanken gezwungen sein, die Zinsen auf erhöhtem Niveau zu halten, selbst wenn sich das Wachstum abschwächt. In einem solchen Umfeld können Aktien und Anleihen gleichzeitig unter Druck geraten – wie im Jahr 2022.
Diversifikation muss deshalb neu gedacht werden. Wir bevorzugen insbesondere ein Engagement im US-Dollar, der in Stressphasen weiterhin seine Funktion als sicherer Hafen erfüllt. Auch Gold bleibt in einem Umfeld struktureller Inflation und geopolitischer Spannungen ein sehr relevanter Vermögenswert.
Zudem sehen wir grosses Potenzial in den Privatmärkten für Anleger mit langfristigem Anlagehorizont und geringen Liquiditätsanforderungen. Nicht kotierte Anlagen bieten eine deutlich breitere sektorale und wirtschaftliche Diversifikation als die öffentlichen Märkte und weisen geringere Korrelationen zu traditionellen Konjunkturzyklen auf.
Wo sehen Sie nach der beeindruckenden Erholung der Aktienmärkte seit 2023 derzeit die attraktivsten Rendite-/Risikoprofile?
Das hängt selbstverständlich vom Anlagehorizont ab. Langfristig finden wir den Gesundheitssektor besonders interessant. Die Bewertungen sind nach mehreren schwierigen Jahren wieder attraktiv geworden, während das Innovationspotenzial weiterhin hoch bleibt.
Auf kürzere Sicht erscheinen uns bestimmte Segmente im Luxusgüter- und Konsumbereich ebenfalls attraktiv, insbesondere wenn sich die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten abschwächen und sich die Handelsströme normalisieren.
Darüber hinaus bleiben wir im gesamten KI-Ökosystem investiert, allerdings eher über die «Schaufeln und Spitzhacken» dieser technologischen Revolution. Dazu gehören neben Halbleitern insbesondere Strominfrastruktur, Transport, Industriematerialien und Ausrüster für den Bau von Rechenzentren. Sie alle werden in den kommenden Jahren stark gefragt sein.
Wie beurteilen Sie die Bewertung von SpaceX mit knapp 1,8 Billionen US-Dollar?
SpaceX ist ein faszinierender Fall, weil Investoren nicht nur ein Unternehmen kaufen. Sie investieren in eine Geschichte, in eine Vision. Auf diesem Bewertungsniveau kaufen Anleger eher den Traum von Elon Musk als die heutigen Umsätze des Unternehmens.
Man muss sich die Grössenordnungen vor Augen führen. SpaceX wird derzeit mit dem nahezu Hundertfachen seines Umsatzes bewertet. Während der Dotcom-Blase wurden gewisse Technologie-IPOs mit rund dem 30-Fachen des Umsatzes gehandelt, und Amazon kam beim Börsengang auf etwa das Dreifache des Umsatzes. Wir bewegen uns also auf aussergewöhnlich hohen Niveaus.
Die gleiche Logik gilt für Tesla. Die Aktie wird noch immer mit rund dem 14-Fachen des Umsatzes bewertet, während ein traditioneller Automobilhersteller wie Renault bei etwa dem 0,1-Fachen des Umsatzes gehandelt wird. Das zeigt, wie bereit die Märkte sind, für grosse technologische Disruptionsszenarien zu bezahlen.
Die Realität ist, dass heute lediglich Starlink nennenswerte Umsätze generiert. Alles andere basiert weitgehend auf äusserst ambitionierten Projektionen rund um Raumfahrt, orbitale Infrastruktur, künstliche Intelligenz und die künftige Nutzung neuer industrieller Kapazitäten im All. Das erinnert stark an Venture Capital – allerdings angewandt auf Unternehmen, die bereits gigantische Bewertungen erreicht haben.
Welche Allokationsentscheidungen darf ein langfristig orientierter Investor in einer volatileren und weniger berechenbaren Welt nicht mehr ignorieren?
Das wichtigste Prinzip bleibt aus unserer Sicht, investiert zu bleiben. Viele Anleger halten noch immer zu viel Liquidität aus Angst vor der nächsten Krise. Historisch betrachtet war der Versuch, Marktkorrekturen vorherzusagen und den Markt zu timen, oft kostspieliger, als Volatilität auszuhalten und langfristig investiert zu bleiben.
Über sehr lange Zeiträume bieten Aktien nach wie vor das grösste Potenzial zur Vermögensbildung. Korrekturen gehören dazu, doch sie fallen heute oft kürzer aus, und die geldpolitischen Reaktionen erfolgen schneller als früher.
Wir bevorzugen daher weiterhin Aktien im Rahmen einer langfristigen Strategie, allerdings mit einer ausgewogeneren geografischen Verteilung. Die USA bleiben in Bezug auf Innovation und Gewinnwachstum ausserordentlich stark, doch auch in Europa sowie in bestimmten Schwellenländern ergeben sich Chancen im Zusammenhang mit grossen Industrie- und Energiezyklen.
Schliesslich sind wir überzeugt, dass reale Vermögenswerte und Privatmarktanlagen künftig einen deutlich grösseren Platz in langfristigen Vermögensallokationen einnehmen müssen.
Nicolas Bickel
Edmond de Rothschild
Nicolas Bickel verantwortet die Aktivitäten im Bereich Vermögensverwaltung und Anlageberatung der Edmond de Rothschild Gruppe sowie die Investment Research der Privatbank. Er verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Beratung und Investment Management. Nicolas Bickel ist CFA Charterholder und besitzt einen Bachelor of Business Administration der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO).
