«Mit der Reifung digitaler Assets entstehen zunehmend Strategien, die Rendite generieren können.»

Geschrieben von Cyril Sabbagh | 17.06.2026 15:16:14

Für Cyril Sabbagh tritt das Krypto-Ökosystem in eine neue Reifephase ein. Im Zentrum steht nicht mehr nur die reine Marktexposition, sondern die Fähigkeit, rund um eine inzwischen voll integrierte Anlageklasse systematisch Renditestrategien zu entwickeln. Arbitrage, Marktineffizienzen, Tokenisierung und Finanzierungsstrategien zeichnen aus seiner Sicht den nächsten Entwicklungszyklus der Branche vor.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage am Kryptomarkt nach der deutlichen Bitcoin-Korrektur und dem Rückgang des Sektors in den letzten Monaten?

Korrekturen gehören zur Geschichte der Finanzmärkte, und digitale Assets bilden hier keine Ausnahme. Interessant ist heute, dass sich trotz der Rücksetzbewegungen die Fundamentaldaten des Ökosystems weiter stärken.

Die institutionelle Adoption nimmt zu, Infrastrukturen professionalisieren sich, Derivatemärkte werden tiefer und ausgefeilter, und grosse Finanzakteure entwickeln inzwischen eigene Angebote. Wir befinden uns längst nicht mehr in einer Experimentierphase. Digitale Assets verankern sich nachhaltig im globalen Finanzsystem.

Wenn Akteure wie BlackRock, Fidelity, Privatbanken, regulierte Derivatemärkte und eine wachsende Zahl kotierter Unternehmen sich für diese Anlageklasse interessieren, sprechen wir nicht mehr von einer Phase des Ausprobierens, sondern von einer schrittweisen Integration ins Finanzsystem.

Inwiefern hat die Verschiebung der Anlegeraufmerksamkeit hin zu KI und grossen Tech-IPOs den Kryptosektor beeinflusst?

Märkte funktionieren stark in Aufmerksamkeitszyklen. Nach einer Phase, in der digitale Assets einen grossen Teil der Investorenzuflüsse auf sich gezogen haben, hat sich ein Teil der Mittel naturgemäss in Richtung künstliche Intelligenz und grosse Technologiewerte verlagert.

Ich sehe darin jedoch weniger einen Ersatz als vielmehr eine Rotation. Beide Universen basieren auf ähnlichen Treibern: Innovation, Netzwerkeffekte, technologische Infrastruktur und wirtschaftliches Transformationspotenzial.

Viele institutionelle Investoren betrachten KI und digitale Assets inzwischen als zwei komplementäre strukturelle Themen des kommenden Jahrzehnts – und nicht als konkurrierende Narrative.

Wo steht Krypto aktuell im Adoptionszyklus?

Wir befinden uns aus meiner Sicht in einer besonders spannenden Übergangsphase.

Die spekulative Komponente ist noch vorhanden, wie in jeder jungen Anlageklasse, aber sie ist nicht mehr der alleinige Treiber. Die Einführung von ETFs, der Ausbau der Derivatemärkte, die Entstehung institutioneller Infrastrukturen, die wachsende Rolle spezialisierter Banken und regulatorische Fortschritte zeigen eine klare Strukturierung.

Reife zeigt sich in der Entwicklung des gesamten Ökosystems. Heute entstehen Lösungen für Verwahrung, Finanzierung, Absicherung, Arbitrage und Risikomanagement, die jenen der traditionellen Finanzmärkte zunehmend ähneln.

Wie verändert sich die Investmentlogik zwischen direktionaler Exposition und Renditegenerierung?

Lange Zeit bedeutete ein Investment in digitale Assets im Wesentlichen: Bitcoin kaufen und halten.

Heute treten wir in eine neue Phase ein. Wie in traditionellen Märkten unterscheiden Investoren zunehmend zwischen reiner Exposition und aktiver Renditegenerierung.

Die Nachfrage nach Strategien, die unabhängig von der Marktrichtung Erträge erzielen können, nimmt deutlich zu – etwa Arbitrage, Market Neutral, Relative-Value-Ansätze oder Kapitaloptimierung.

Die zentrale Frage lautet heute nicht mehr, ob man in digitale Assets investieren soll, sondern welche Strategien sich rund um diese Anlageklasse aufbauen lassen. Das ist ein klares Zeichen von Reife.

Welche Renditequellen prägen heute den digitalen Asset-Bereich?

Mit der Reifung der Anlageklasse entstehen mehrere Strategiefamilien.

Die erste umfasst native Protokollrenditen, etwa durch Staking oder Restaking. Hier entsteht die Rendite direkt aus der Teilnahme an der Netzwerksicherung.

Die zweite Gruppe betrifft Finanzierungsstrategien – sowohl im DeFi- als auch im zentralisierten Umfeld. Rendite entsteht durch die Bereitstellung von Kapital.

Die dritte überträgt klassische Finanzmechanismen in den digitalen Raum, etwa tokenisierte Geldmarktfonds oder Treasury-Strategien. Die Rendite basiert hier auf den zugrunde liegenden Zinsen.

Die vierte Familie – aus unserer Sicht besonders interessant – basiert auf Marktineffizienzen. Digitale Märkte sind jung, global und fragmentiert. Daraus entstehen Preisunterschiede, Bewertungsanomalien und Ungleichgewichte in Derivatemärkten, die sich über Arbitrage-, Basis- oder Funding-Strategien nutzen lassen.

Gerade hier sehen wir wachsendes Interesse bei professionellen Investoren, Family Offices und Vermögensverwaltern, die eine Ergänzung zur direktionalen Exposition suchen.

Wie berücksichtigen Sie risikoadjustierte Performance in einem strukturell volatilen Umfeld?

Volatilität wird oft mit Risiko verwechselt. Für professionelle Investoren bedeutet Risiko jedoch in erster Linie die Wahrscheinlichkeit eines permanenten Kapitalverlusts.

Unser Ansatz besteht darin, Renditequellen zu identifizieren, die möglichst wenig von der Marktrichtung abhängig sind. Eine sauber strukturierte Arbitragestrategie kann eine deutlich tiefere Volatilität aufweisen als Bitcoin und dennoch vom Wachstum des Ökosystems profitieren.

Ziel ist nicht die maximale Bruttorendite, sondern robuste, effiziente und über Zeit reproduzierbare Renditeprofile.

Wie nutzt Melanion Digital Ineffizienzen zwischen zentralisierten Plattformen und DeFi?

Das Ökosystem digitaler Assets ist stark fragmentiert. Identische Assets können je nach Plattform unterschiedliche Finanzierungskosten, Liquidität oder Bewertungen aufweisen.

Diese Fragmentierung erzeugt Ineffizienzen, die zwar langfristig abnehmen, derzeit aber weiterhin attraktive Opportunitäten bieten.

Unsere Erfahrung im Derivatehandel, im Trading, in der Strukturierung und in quantitativen Strategien erlaubt es uns, diese Anomalien systematisch zu analysieren und Chancen mit attraktivem Risiko-Rendite-Profil zu identifizieren.

Welche Rolle spielt die Strukturierung solcher Strategien in regulierten Vehikeln?

Das ist einer der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre.

Viele professionelle Investoren waren zwar interessiert, konnten aber aufgrund regulatorischer oder operativer Einschränkungen keinen Zugang erhalten.

Regulierte Vehikel ermöglichen es heute, die Innovationskraft digitaler Assets mit den institutionellen Standards in Bezug auf Kontrolle, Reporting, Bewertung und Risikomanagement zu verbinden.

Diese Institutionalisierung ist ein zentraler Schritt in der Reifung des Marktes.

Welche Marktchance stand am Anfang von Melanion Digital?

Wir waren überzeugt, dass digitale Assets – insbesondere Bitcoin – sich schrittweise als eigenständige Anlageklasse im globalen Finanzsystem etablieren würden.

Ebenso früh war uns klar, dass sich die interessantesten Chancen nicht auf reine Exposition beschränken würden. Digitale Assets sollten aktiv gemanagt werden, wie jede andere Anlageklasse auch.

Wir gehörten zu den ersten europäischen Akteuren, die Bitcoin als strategische Treasury-Position eingesetzt haben. Anders als viele Unternehmen, die heute lediglich passiv Bitcoin halten, haben wir von Beginn an versucht, dieses Kapital aktiv zu arbeiten.

Unsere Teams stammen aus dem Derivatehandel, Market Making, Strukturierung und Risikomanagement der traditionellen Finanzwelt. Wir betrachten digitale Assets nicht als Bruch mit der Finanzwelt, sondern als neue Anlageklasse, auf die sich bestehendes Know-how anwenden lässt.

Das erste Kapitel digitaler Assets war die Adoption. Das nächste wird das aktive Management sein.