« Wir sind überzeugt, dass in der Schweiz sehr grosse EAM-Plattformen entstehen werden. »

Geschrieben von Kurt MacAlphine & Daniel Pinot | 18.05.2026 09:57:32

Was macht den Schweizer EAM-Markt heute für Plattformen wie Ihre so attraktiv?
Kurt MacAlpine.
Die Schweiz bleibt eines der weltweit führenden Zentren der Vermögensverwaltung. Für Corient beruht die Attraktivität dieses Marktes sowohl auf der anspruchsvollen Kundschaft, der hohen unternehmerischen Qualität der bestehenden Akteure als auch auf der weiterhin starken Fragmentierung des EAM-Segments. Unsere Ambition ist es, weltweit ein Partnership-Modell im unabhängigen Wealth Management aufzubauen, das sich auf Ultra-High-Net-Worth-Kunden fokussiert. Die Schweiz nimmt aufgrund ihrer internationalen Positionierung und ihrer historischen Expertise eine zentrale Rolle in dieser Strategie ein.
Ein im Wealth Management häufig missverstandener Aspekt betrifft die eigentliche Bedeutung eines «globalen» Modells. Viele Institutionen sind in mehreren Jurisdiktionen tätig, aber nur wenige sind tatsächlich so organisiert, dass sie ihre Kunden grenzüberschreitend reibungslos begleiten können. Bei Corient wollten wir ein Modell aufbauen, das sich stärker an einem integrierten Partnership nach Beratungsmodell orientiert als an einer traditionellen Bankstruktur. Das bedeutet, das Unternehmen rund um den Kunden und nicht um lokale Silos zu organisieren.
Wenn eine Familie Vermögenswerte von einer Jurisdiktion in eine andere verlagert oder konsolidiert, entstehen in traditionellen Organisationen häufig interne Reibungsverluste, weil die Teams lokal vergütet bleiben. Wir haben Corient auf einer anderen Philosophie aufgebaut. Im Rahmen eines integrierten Partnership arbeiten die Teams global rund um den Kunden zusammen. Dieser Ansatz wird besonders relevant für UHNW-Familien, deren Vermögen, Strukturen und Lebensmodelle zunehmend international geworden sind.

Daniel Pinto.
Der Schweizer Markt weist heute eine stark polarisierte Struktur auf. Einerseits verfügen die grossen Privatbanken über erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen, arbeiten jedoch mit Modellen, die nicht immer mit den Interessen und Erwartungen von UHNW-Kunden übereinstimmen. Andererseits gibt es Hunderte unabhängiger Vermögensverwalter und Multi Family Offices, die einen konfliktfreien Ansatz verfolgen, jedoch in der Regel nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, um global über verschiedene Anlageklassen hinweg zu investieren oder umfassendere Family-Office-Kapazitäten anzubieten.
Genau darin sehen wir eine bedeutende Chance, weil wir unseren Kunden das Beste aus beiden Welten bieten können.

Welche zentralen Bedürfnisse des Marktes möchten Sie mit dieser Akquisitionsstrategie adressieren?
Daniel Pinto.
Vermögende Familien suchen heute Dienstleistungen, die Unabhängigkeit und institutionelle Kompetenzen miteinander verbinden. Gleichzeitig erwarten sie zunehmend von ihren Beratern, über die reine Portfolioverwaltung hinauszugehen und umfassendere Leistungen in Bereichen wie Wealth Planning, Strukturierung, Family Governance, Nachfolgeplanung oder Philanthropie anzubieten.
Diese Entwicklung verändert zwangsläufig die traditionelle Rolle der EAM, die heute breitere Infrastrukturen, fortschrittlichere Technologien und globale Kompetenzen benötigen.
Heute besteht eine wachsende Lücke zwischen der zunehmenden Komplexität der Kundenerwartungen und den tatsächlich verfügbaren Ressourcen unabhängiger Strukturen. Wir sind überzeugt, besonders gut positioniert zu sein, um diese Lücke zu schliessen.

Kurt MacAlpine.
Vermögen wird gleichzeitig internationaler und komplexer. Familien agieren heute in mehreren Jurisdiktionen und suchen nach einer global koordinierten Beratung. Unser Ziel ist es, institutionelle Investmentkompetenzen mit einem Partnership-Modell zu verbinden, das Kunden weltweit und ohne interne Interessenkonflikte begleitet.
Dies setzt eine Investmentplattform voraus, die sämtliche Anlageklassen – öffentliche wie private Märkte – abdeckt und Familien auch bei umfassenderen Themen wie Strukturierung, Governance und Family Office begleitet. Wir sind überzeugt, dass die Zukunft des auf UHNWI ausgerichteten Wealth Management genau in dieser Kombination aus Investmentexpertise und ganzheitlicher Beratung liegt.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Schweizer EAM-Marktes in den kommenden Jahren?
Kurt MacAlpine.
Die Konsolidierung ist unvermeidlich. Höhere Kundenerwartungen, zunehmende Regulierung und Nachfolgethemen beschleunigen diese Entwicklung. Unabhängige Vermögensverwalter benötigen zunehmend kritische Grösse, um Zugang zu Technologien, privaten Märkten, Family-Office-Kapazitäten und globaleren Investmentressourcen zu erhalten.
Gleichzeitig verändert sich die Ökonomie des Sektors rasch. Kunden erwarten heute Dienstleistungen, die jenen grosser Institutionen entsprechen, mit konsolidiertem Reporting, Zugang zu privaten Märkten und einer hochgradig personalisierten Beratung. Dadurch steigen die Anforderungen insbesondere für kleinere Strukturen erheblich.

Daniel Pinto.
Wir sind überzeugt, dass in der Schweiz schrittweise sehr grosse EAM-Plattformen entstehen werden, die in einer Grössenordnung wie Privatbanken operieren – ohne selbst Banken zu sein. Die Zahl der Marktteilnehmer wird wahrscheinlich zurückgehen, die verbleibenden Strukturen werden jedoch deutlich grösser und internationaler sein.
Die Grenzen zwischen Privatbanken, EAM und Multi Family Offices werden zunehmend fliessend, da Kunden immer stärker nach einer globalen und integrierten Betreuung suchen. Die Gewinner werden jene Akteure sein, die Modelle schaffen können, welche eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen Funktionen, Dienstleistungen und Jurisdiktionen im Interesse des Kunden ermöglichen.

Wie erklären Sie, dass grosse unabhängige Vermögensverwalter bisher daran gescheitert sind, sich zusammenzuschliessen?
Daniel Pinto.
Die Herausforderung liegt nicht bei der Akquisition selbst, sondern bei der Integration. Viele Transaktionen scheitern, weil die Strukturen nach der Transaktion kulturell und operativ fragmentiert bleiben. Bei Corient beginnt die Integration unmittelbar nach dem Closing. Ziel ist es, als ein einziges Partnership, mit einer gemeinsamen Kultur und auf einer gemeinsamen Plattform zu arbeiten. Das ist deutlich schwieriger, als häufig angenommen wird. Unternehmer im Wealth Management zusammenzuführen setzt nicht nur eine strategische, sondern auch eine kulturelle, organisatorische und philosophische Übereinstimmung voraus. Corient verfügt in diesem Bereich über grosse Erfahrung.

Kurt MacAlpine.
Corient ist kein einfaches Netzwerk unabhängiger Vermögensverwalter, die eine gemeinsame Infrastruktur nutzen. Es handelt sich um ein echtes Partnership, in dem die Kunden dem Unternehmen und nicht einzelnen Personen zugeordnet sind. Diese Ausrichtung ist entscheidend, wenn man nachhaltig konsolidieren will. Viele Plattformen basieren auf einer finanztechnischen Logik mit kurzfristigem Fokus. Wir versuchen dagegen, etwas Dauerhaftes aufzubauen, was die Diskussion sowohl mit Gründern als auch mit Kunden grundlegend verändert.

Wie sieht die Strategie von Corient heute in Europa und insbesondere in der Schweiz aus?
Kurt MacAlpine.
Europa hat für uns eine grosse strategische Bedeutung, da sich das Vermögen von Ultra-High-Net-Worth-Kunden zunehmend internationalisiert. Es ist offensichtlich, dass die Übernahmen von Stanhope und Bedrock unsere Präsenz in der Schweiz und darüber hinaus in Europa deutlich gestärkt haben.

Daniel Pinto.
Die Schweiz nimmt eine zentrale Rolle in unserer europäischen Strategie ein. Bedrock ist ein wichtiger Schritt, aber sicherlich nicht der letzte. Wir analysieren weiterhin weitere Opportunitäten mit Strukturen, die unsere unternehmerische Kultur und unseren UHNW-Fokus teilen.

Welche Arten von Strukturen stehen heute im Fokus?
Kurt MacAlpine.
Wir bleiben äusserst selektiv. Wir suchen Strukturen, die bereits eine Ultra-High-Net-Worth-Kundschaft betreuen und kulturell mit unserem Partnership-Modell kompatibel sind. Ziel ist es nicht einfach, Vermögenswerte zu erwerben, sondern Unternehmer zusammenzubringen, die ihre Aktivitäten innerhalb einer grösseren Organisation weiter aufbauen und entwickeln möchten. Besonders interessieren uns Unternehmen mit starken Kundenbeziehungen, internationaler Ausrichtung und einer ausgeprägten Beratungskultur.

Daniel Pinto.
Es geht für uns nicht darum, Grösse um ihrer selbst willen anzustreben. Die Strukturen, die sich am besten integrieren lassen, arbeiten meist bereits nach einer Multi-Family-Office-Logik. Sie verstehen, dass Wealth Management heute nicht mehr nur Portfolioverwaltung bedeutet, sondern Familien ganzheitlich begleitet. Wir möchten zudem Strukturen integrieren, deren Gründer nicht das Gefühl haben, aus ihrem Unternehmen «auszusteigen», sondern sich im Gegenteil einer grösseren unternehmerischen Vision anzuschliessen und ihre Entwicklung gemeinsam mit uns fortzusetzen.

Welche Art von Plattform möchten Sie aufbauen?
Kurt MacAlpine.
Wir versuchen, eine neue Kategorie von Akteuren im Wealth Management zu schaffen. Weder Privatbank noch traditioneller Konsolidierer und auch kein einfaches Multi Family Office, sondern ein globales Partnership, das auf Investmentexpertise, Family-Office-Kompetenzen und der Fähigkeit basiert, unabhängige Beratung ohne Interessenkonflikte anzubieten. Unsere Investmentplattform verfügt heute bereits über institutionelle Kompetenzen in öffentlichen wie privaten Märkten und bewahrt gleichzeitig die unternehmerische Kultur einer unabhängigen Struktur.

Daniel Pinto.
Die unternehmerische Dimension ist zentral. Die Gründer, die zu Corient stossen, bleiben Partner und Aktionäre der Gruppe. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Bei den meisten Transaktionen im Sektor handelt es sich letztlich um einen Exit. Hier bauen Unternehmer ihre Aktivitäten innerhalb des Partnership weiter aus.
Dieses Modell ist besonders relevant für die Schweiz, wo zahlreiche EAM ihr Unternehmen über Jahre aufgebaut haben, ohne deshalb unmittelbar in den Ruhestand treten zu wollen. Sie möchten weiter wachsen, ihre Kundenbeziehungen ausbauen und in die strategische Entwicklung des Unternehmens eingebunden bleiben.

Was sind Ihre langfristigen Ziele?
Daniel Pinto.
Wir bauen langfristig und nicht nach der eher kurzfristigen Logik klassischer Private-Equity-Zyklen. Wenn Unternehmer zu Corient stossen, endet die Geschichte nicht mit der Transaktion. Sie beginnt in diesem Moment.

Kurt MacAlpine.
Wir sind überzeugt, dass sich die Branche in Richtung einer kleineren Zahl globaler unabhängiger Plattformen entwickelt, die jedoch deutlich stärker sein werden. Unser Ziel ist es, Corient zu einem der Referenzakteure dieser Transformation zu machen.