« Unabhängigkeit ist kein Argument, sondern eine Architektur. »

Geschrieben von Eli Mizrahi | 17.06.2026 16:05:17

 In einer Branche im tiefgreifenden Wandel analysiert Eli Mizrahi hier die Kräfte, die den Schweizer Markt neu formen – zwischen Konsolidierung, verschärfter Regulierung und beschleunigter technologischer Entwicklung. Für ihn ist Unabhängigkeit längst kein Marketingargument mehr, sondern eine echte Architektur des Geschäfts, getragen von einer klaren Identität und der Fähigkeit, sich in komplexen, multi-jurisdiktionalen Umfeldern zu bewegen. 


Welche zentralen Kräfte prägen aus Ihrer Sicht die Entwicklung der EAM-Branche in der Schweiz?
Drei Dynamiken sind am Werk, und alle sind im Grunde gesund. Erstens die Konsolidierung. Verschwinden werden Strukturen ohne Identität und ohne tragfähiges Geschäftsmodell. Der Markt bereinigt sich auf natürliche Weise. Zweitens die Regulierung. Die FINMA hat die Anforderungen deutlich erhöht – kurzfristig schmerzhaft, langfristig aber ein Gewinn für die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche. Und drittens die Technologie – nicht als existenzielle Bedrohung, sondern als Offenlegung. Sie legt jene EAMs frei, deren einzige Wertschöpfung im Zugang zu Produkten bestand. Übrig bleiben jene mit echter Tiefe – intellektuell wie relational.

Welche Modelle erachten Sie mittelfristig als die nachhaltigsten?
Jene, die eine nicht kopierbare Identität besitzen. Unabhängigkeit ist kein Argument, sondern eine Architektur. Ein nachhaltiger EAM ist eine Boutique mit klarer geografischer oder thematischer Spezialisierung, einer wirklich freien Multi-Custody-Struktur und einem Beziehungsnetz, das sich nicht auf eine Plattform übertragen lässt. Verschwinden wird das Modell des „Alles für alle“ ohne Tiefe. Bestand haben wird die Boutique – getragen von einer Kundschaft, die sie gerade deshalb gewählt hat, weil sie einzigartig ist.

Wie muss sich das Leistungsversprechen der Schweizer EAMs gegenüber integrierten Plattformen und Grossbanken weiterentwickeln?
Grossbanken verkaufen Architektur, die als Beratung verkleidet ist. Plattformen verkaufen Automatisierung, die als Beziehung erscheint. Wir hingegen bieten etwas, das keine der beiden Seiten erzeugen kann: strukturell exklusive Loyalität. Keine versteckten Interessenkonflikte, keine Produktquoten zum Quartalsende. In einer Welt, in der Vertrauen knapp geworden ist, ist das ein massiver Wettbewerbsvorteil – allerdings nur, wenn man ihn nicht als Selbstverständlichkeit beschreibt, sondern in jeder Interaktion sichtbar macht.

Was fehlt den EAMs, um sich nachhaltig zu stärken?
Zwei Dinge, die niemand gerne hört. Erstens der Mut zur eigenen Erzählung. Schweizer Zurückhaltung ist eine Stärke – aber sie darf nicht zum Vorwand für strategisches Schweigen werden. Viele EAMs sind exzellent in ihrer Arbeit, aber im Markt unsichtbar. Das ist ein gefährlicher Widerspruch. Zweitens kollektive Intelligenz: Die Branche ist nach wie vor stark atomisiert. Nicht jede Struktur muss fusionieren, aber gezielte Allianzen in Technologie, Compliance oder im Zugang zu Private Markets würden die Branche deutlich stärken. Wettbewerb zwischen EAMs ist legitim. Rückzug ins Einzelkämpfertum ist es nicht.

Wie entwickelt sich aus Ihrer Sicht der Wettbewerb zwischen der Schweiz und den Finanzzentren im Nahen Osten und in Asien?
Der sicherste Weg für die Schweiz, diesen Wettbewerb zu verlieren, wäre, ihn überhaupt so zu spielen. Dubai baut Türme. Singapur baut Hubs. Die Schweiz hingegen hat etwas viel Selteneres aufgebaut: über Generationen gewachsene Expertise und eine Reputation, die Krisen überdauert. Keine andere Finanzplatz der Welt vereint eine solche Dichte an Kompetenzen – von Vermögensverwaltern über Juristen bis hin zu Steuer- und Strukturierungsexperten. Das ist ein organisches Ökosystem, das sich nicht verordnen und nicht in zehn Jahren kopieren lässt.

Dubai und Singapur haben ihre Attraktivität über Steueranreize und demografisches Wachstum aufgebaut. Die Schweiz hingegen basiert auf einer bewährten Rechtsarchitektur, politischer Neutralität, die kein Slogan ist, und echtem Know-how. Das ist viel tiefer verankert. Für unsere lateinamerikanische Kundschaft bleibt die Schweiz unverzichtbar – wegen ihrer rechtlichen Stabilität, politischen Neutralität und fachlichen Tiefe. Kein aufstrebender Hub bietet dieses Dreieck.

Inwiefern wird die Fähigkeit, multi-jurisdiktionale Lösungen zu strukturieren, zum Differenzierungsfaktor?
Für die Arbeit mit Lateinamerika ist das längst eine Grundvoraussetzung. Unsere Kunden haben kein mono-domiziliertes Vermögen. Sie besitzen Assets in Europa, Strukturen in den USA und wirtschaftliche Interessen in Brasilien, Mexiko oder anderen Ländern der Region. Ein EAM, der nicht zwischen diesen Jurisdiktionen navigieren kann – steuerlich, rechtlich und strukturell –, ist kein globaler Ansprechpartner mehr. Er wird zu einem Teilanbieter in einer Welt, die Gesamtlösungen verlangt. Multi-Jurisdiktionalität ist unser natürliches Terrain – und genau das macht diesen Beruf so anspruchsvoll und letztlich unersetzlich.

Wie würden Sie heute die Positionierung von Targa beschreiben?
Im Zentrum stehen die Projekte unserer Kunden und deren Ziele. Wir begleiten eine internationale Kundschaft mit besonderer Expertise in Lateinamerika, wo wir über Jahre ein starkes Netzwerk und tiefes Verständnis der lokalen Rahmenbedingungen aufgebaut haben.
In einem zunehmend komplexen und internationalisierten Vermögensumfeld setzen wir konsequent auf massgeschneiderte Lösungen statt Standardprodukte. Unsere Unabhängigkeit erlaubt es uns, die jeweils besten Partner und Kompetenzen einzubinden – ohne Plattformzwang oder Produkteinschränkungen. Als „crypto-friendly“ Akteur betrachten wir digitale Assets zudem als legitimen Bestandteil des Anlageuniversums, sofern sie in eine konsistente Strategie eingebettet sind.

Wie gehen Sie heute mit der Portfolio-Konstruktion in einem fragmentierten Marktumfeld um?
Das vergangene Jahrzehnt war von einem gefährlichen Luxus geprägt: vorhersehbarer Korrelation. Tiefe Zinsen haben das Denken betäubt. Man kaufte Duration, erhielt Rendite und nannte die Vermögensverwaltung. Diese Zeit ist vorbei.
Heute muss jede Position für sich selbst stehen – ohne makroökonomische Krücken. Ich arbeite mit drei gleichzeitigen Analyseebenen: langfristige thematische Überzeugung, taktische Positionierung in regionalen Zyklen und aktives FX-Management – entscheidend bei Kunden mit Verbindlichkeiten in Pesos, Reais oder anderen Schwellenländerwährungen. Dieses analytische Dreieck unterscheidet echte individuelle Vermögensverwaltung von modellbasierten Allokationen im Kundengewand.

Welche Ambitionen verfolgen Sie für die kommenden Jahre?
In den letzten Jahren haben wir stark in den Aufbau einer Plattform investiert, die unabhängigen Vermögensverwaltern alles bietet, um sich vollständig auf ihre Kunden zu konzentrieren.
Heute haben wir sowohl im Investmentbereich als auch in juristischen und steuerlichen Fragen sowie im Support die gewünschte Qualität und Tiefe erreicht. Diese Plattform ermöglicht Wachstum bei gleichzeitiger Wahrung unserer Exzellenzstandards.
Der nächste Schritt besteht darin, weitere erstklassige Banker zu gewinnen, die unsere Werte, unsere Unternehmenskultur und unser Berufsverständnis teilen. Die Qualität unserer Mitarbeitenden bleibt unser zentraler Differenzierungsfaktor. Wir haben ein Umfeld geschaffen, in dem Talente wachsen können und in dem die Interessen der Kunden im Zentrum jeder Entscheidung stehen.

Welche Wachstumshebel sehen Sie derzeit?
Erstens eine gezielte Erweiterung der Zielkundschaft. Der EAM-Markt war lange auf sehr grosse Vermögen fokussiert, als ob unterhalb einer bestimmten Schwelle keine Komplexität existiere. Das ist falsch. Unternehmer nach einem ersten Exit, Führungskräfte mit multi-jurisdiktionalen Stock-Optionen oder Freiberufler im Vermögensaufbau benötigen ebenso präzise, unabhängige Beratung.
Zweitens das Recruiting. Die grossen Institute haben über Jahrzehnte exzellente Private Banker ausgebildet. Diese Talente in unabhängige Strukturen zu holen, erhöht sofort Wettbewerbsfähigkeit, Netzwerk und Beratungstiefe.
Drittens der Generationenwechsel. Die neue Generation lateinamerikanischer Unternehmer ist mobiler, digitaler und offener für alternative Anlageklassen. Sie erwartet, dass ihr Vermögensverwalter ihre Sprache spricht – sowohl im Meeting in São Paulo als auch in einem Beratungsgespräch in Genf.