Geopolitische Spannungen, KI-Euphorie und Krypto-Boom: Viele Anleger fühlen sich derzeit hin- und hergerissen. Mathias Gonzalez, CIO Barclays Schweiz, warnt vor Aktionismus. Im Interview erklärt er, weshalb die Märkte weniger volatil sind als man denkt und was Vermögensverwalter mit Ärzten gemein haben.
Herr Gonzalez, viele Anleger haben derzeit das Gefühl, in extrem volatilen Zeiten zu leben. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nicht vollständig. Natürlich gibt es Volatilität. Aber echte Volatilität sind für mich Ereignisse wie Covid oder der sogenannte «Liberation Day» im vergangenen Jahr. Das waren massive, unvorhersehbare Schocks. Was wir heute erleben, ist eher ein ständiger Balanceakt zwischen robusten Märkten und geopolitischer Unsicherheit – eine Art permanentes Grundrauschen.
Märkte funktionieren im Grunde seit jeher nach demselben Prinzip: Es gibt Käufer und Verkäufer, Optimisten und Pessimisten. Wirklich gefährlich wird es meist erst bei grossen Überraschungen.
Unsere Aufgabe als Vermögensverwalter ist deshalb nicht, kurzfristige Marktbewegungen oder gar das Unvorhersehbare vorherzusagen,sondern Kundinnen und Kunden mit einer langfristigen Perspektive durch verschiedene Marktzyklen zu begleiten.
Trotzdem sorgen geopolitische Krisen, Handelskonflikte oder Diskussionen um die US-Notenbank laufend für Nervosität.
Die politische Unsicherheit hat 2026 definitiv zugenommen und bleibt erhöht. Anleger beschäftigen sich mit wandelnden Zollpolitiken, Wahlen oder der Frage, wie unabhängig die nächste Führung der US-Notenbank noch sein wird. Gleichzeitig beobachten wir weiterhin eine sogenannte K-förmige Wirtschaft: Die wohlhabendsten 20 Prozent der Haushalte verantworten mittlerweile rund zwei Drittel des Konsums, während tiefere Einkommensschichten unter Druck stehen.
Das hat auch Auswirkungen auf die Märkte. 2025 war stark von Konzentration geprägt – insbesondere bei grossen Technologie- und Momentum-Titeln. Viele Investoren hatten das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn sie dort nicht investiert sind. Und bis zu einem gewissen Grad lagen sie bei einigen wenigen dieser Titel damit auch richtig.
Warum?
Weil Hype selten eine nachhaltige Investmentstrategie ist. Wenn plötzlich jeder – vom professionellen Investor bis zum Uber-Fahrer – dieselben Aktien empfiehlt, sollten die Alarmglocken läuten.
Wir fokussieren uns deshalb 2026 deutlich stärker auf Qualität, Diversifikation und Selektivität. Die grossen Konzentrationsrisiken im Markt haben bereits erste Risse gezeigt. Wer breit diversifiziert geblieben ist, konnte diese Turbulenzen wesentlich besser auffangen.
Viele Anleger versuchen dennoch, den perfekten Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu erwischen.
Das ist einer der grössten Fehler. Ich glaube nicht an «Timing the market». Viel wichtiger ist «time in the market». Historisch gesehen folgen auf einige der schlechtesten Börsentage oft sehr starke Erholungstage. Wer dann nicht investiert ist, verpasst entscheidende Renditephasen.
Märkte haben langfristig immer wieder bewiesen, dass sie Krisen überwinden können –, von der Grossen Depression bis heute.
Sie betreuen sowohl Schweizer Kunden als auch vermögende Familien im Nahen Osten. Wo liegen die Unterschiede?
Ich muss vorausschicken: Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Beide Kundengruppen schätzen Qualität, denken langfristig und legen grossen Wert auf den Generationen übergreifenden Erhalt ihres Vermögens.
Investoren im Nahen Osten waren historisch jedoch stets stärker in Private Markets engagiert – etwa in Private Equity, Direktinvestments oder Secondaries. Im Vergleich zu Schweizer Kunden akzeptieren sie in der Regel auch längere Kapitalbindungsfristen einfacher. Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben die Bereitschaft zu langfristigen Kapitalbindungen bei einigen Investoren der Region allerdings etwas gedämpft, da derzeit die Stärkung der lokalen Kapitalbasis stärker priorisiert wird.
Schweizer Anleger sind zurückhaltender?
Teilweise. Sie sind traditionell stärker auf liquide Anlagen fokussiert. Gleichzeitig verändert sich das: Viele Anleger haben während der Finanzkrise gelernt, dass sie ihre Portfolios eben nicht panisch liquidieren sollten.
Wer verstanden hat, dass Vermögen langfristig investiert bleibt, beginnt automatisch auch offener über illiquide Anlagen nachzudenken – insbesondere wegen der Illiquiditätsprämie gegenüber öffentlichen Märkten.
Wie wichtig sind Blockchain und Krypto heute für vermögende Kunden?
Global betrachtet werden diese Themen immer wichtiger. Besonders im Nahen Osten beobachten wir eine enorme Dynamik. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate investieren massiv in Blockchain-Infrastruktur, KI und Digitalisierung.
Die Region zieht gezielt Talente und Unternehmen an. Das schafft Geschwindigkeit.
Und die Schweiz?
Die Schweiz hat enormes Know-how, aber die Infrastruktur und Mentalität entwickeln sich etwas langsamer. Ich sage das als Halb-Schweizer mit grossem Respekt.
Ein einfaches Beispiel: In anderen Ländern bestellt man fehlendes Salz per App und bekommt es in fünf Minuten geliefert. In der Schweiz zieht man eher die Schuhe an und geht zur Migros. Das ist weder gut noch schlecht. Aber es zeigt unterschiedliche Mentalitäten im Umgang mit Digitalisierung.
Sie sprechen oft von Disziplin und Bodenhaftung. Wie schwierig ist das im heutigen Umfeld?
Es ist eine tägliche Herausforderung. Gerade in unserem Beruf darf man sich nicht vom Hype mitreissen lassen. Unsere Aufgabe ist nicht, Kunden permanent zu bestätigen, sondern auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
Ich vergleiche das oft mit einem Arzt: Ein guter Arzt sagt Ihnen nicht einfach, was Sie hören möchten, sondern was Sie wissen müssen. Genau diese Verantwortung haben wir im Wealth Management ebenfalls.
Sie beschäftigen sich intensiv mit der nächsten Generation von Vermögenden. Warum?
Weil wir vor der grössten Vermögensübertragung der Geschichte stehen. Das wird die Branche fundamental verändern. Mich fasziniert insbesondere, wie unterschiedlich diese Generation denkt. Viele junge Vermögende sind globale Bürger. Sie wachsen in mehreren Ländern auf, studieren in verschiedenen Kontinenten und arbeiten später vielleicht in Dubai, Singapur oder London. Diese Generation hinterfragt deutlich stärker.
Inwiefern?
Früher fragte ein Kunde vielleicht: «Warum diese Aktie und nicht eine andere?» Heute kommen Fragen wie: «Passt dieser Sektor überhaupt noch zu unseren Werten?» oder «Welchen gesellschaftlichen Zweck erfüllt dieses Investment?» Die nächste Generation will Wirkung erzielen. Sie will verstehen, wofür ihr Vermögen steht. Das verändert die Gespräche fundamental.
Wird das die Finanzindustrie nachhaltig verändern?
Davon bin ich überzeugt. Wer künftig erfolgreich sein will, muss viel stärker als echter Partner auftreten, nicht nur als Produktanbieter. Es geht darum, Familien über Generationen hinweg zu begleiten, ihre Denkweise zu verstehen und daraus langfristige Strategien abzuleiten. Genau dort entsteht künftig echter Mehrwert im Wealth Management.