In einem Umfeld steigender Korrelationen, der Transformation des Private Bankings und der wachsenden Bedeutung von künstlicher Intelligenz analysiert der CIO von smzh, Bekim Laski, die neuen Logiken der Diversifikation, die Weiterentwicklung der Vermögensberatung sowie die Bewertungsunterschiede zwischen industrieller Exzellenz und technologischem Wachstumspotenzial.
In Zeiten von Marktstress steigen die Korrelationen zwischen Anlageklassen oft deutlich. Wie sollten Investoren Diversifikation im heutigen Umfeld neu denken?
Die empirische Evidenz ist eindeutig und in gewisser Weise unbequem. In Phasen von Marktstress oder Regimewechseln versagt traditionelle Diversifikation oft gerade dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird. Das betrifft nicht nur kotierte Anlagen, sondern zunehmend auch Teile des alternativen Anlageuniversums. Wenn Liquidität versiegt und es zu Margin-Calls kommt, verkaufen Investoren das, was sie verkaufen können und nicht zwingend das, was fundamental am stärksten exponiert ist.
Deshalb sollte Diversifikation weniger anhand von Anlageklassen definiert werden, sondern vielmehr durch Risikofaktoren, Liquiditätsprofile und zugrundeliegende Renditequellen. Die hilfreichere Unterscheidung liegt zwischen struktureller Diversifikation und solcher, die von günstigen Liquiditätsbedingungen abhängt. Ein klassisches 60/40-Portfolio bietet, insbesondere in Tiefzinsmärkten wie der Schweiz, nicht mehr den gleichen Schutz, den es früher bot, bevor die Zentralbanken den risikolosen Zins nach unten drückten. Investoren sollten daher vermehrt in Faktoren wie Value, Momentum, Qualität, niedrige Volatilität oder Carry denken, da sich diese in unterschiedlichen Marktregimes unterschiedlich verhalten können.
Illiquide Anlagen können weiterhin eine wichtige Rolle spielen, jedoch nur, wenn die Illiquidität tatsächlich gegeben ist. Private Credit, Infrastruktur und Real Assets können helfen, eine Illiquiditätsprämie zu generieren. Diese Prämie wird jedoch weniger verlässlich, wenn Fremdfinanzierung oder die zunehmende «Retailisierung» der privaten Märkte das Liquiditätsrisiko wieder erhöhen. Es gibt nach wie vor differenzierte Renditeströme, etwa bei Insurance-Linked Securities wie Katastrophenanleihen oder bestimmten Lizenzstrategien. Diese erfordern jedoch eine genaue Prüfung. Explizite Konvexität mittels Optionsstrategien kann ebenfalls hilfreich sein, obwohl ein solcher Schutz oft kostspielig ist.
Sie betonen oft die Bedeutung eines ganzheitlichen Wealth-Management-Ansatzes. Wird die Rolle des CIO strategischer und bereichsübergreifender anstelle rein portfoliobasiert?
Ganzheitliche Vermögensberatung ist kein neues Konzept, sie gehört seit langem zum Erfolgsmodell im Schweizer Private Banking. Was sich jedoch verändert, ist die Zugänglichkeit. Die Schweizer Wealth-Management-Kompetenz sollte nicht nur UHNW-Kundinnen und -Kunden vorbehalten bleiben. Immer mehr Kundensegmente erwarten integrierte Beratung. Aus meiner Sicht ist dies die logische Weiterentwicklung der Treuhandverantwortung.
Das verändert auch die Rolle der CIOs. Vermögen ist heutzutage weit mehr als ein Anlageportfolio, und reine Performance ist kein ausreichendes Erfolgskriterium mehr. Ein zentraler Aspekt ist, ob die finanziellen Ziele der Kundinnen und Kunden über sämtliche Lebensphasen hinweg erreicht werden. Das umfasst die Verknüpfung von Asset Allokation mit Liquiditätsplanung, Finanzierung, Vorsorge, Steuern, Immobilien, Privatmärkten und Family Governance.
Die CIO-Rolle entwickelt sich somit weg von reinem Asset Management und mehr hin zur Gestaltung einer finanziellen Architektur. Investment-Alpha bleibt wichtig, aber strukturelles oder Service-Alpha gewinnt an Bedeutung, also ein Wert, der durch kohärente, persönliche und wirklich integrierte Beratung bei allen grossen Finanzentscheiden entsteht, nicht nur durch einzelne Anlageprodukte und -lösungen.
Traditionelle Private-Banking-Modelle stehen zunehmend im Wettbewerb mit agileren, technologiebasierten Plattformen. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Wertschöpfungskette im Schweizer Wealth Management in den kommenden Jahren entwickeln?
Das traditionelle Private Banking hat sich zunehmend auf vermögendere Kundensegmente konzentriert, während digitale Plattformen den Marktzugang günstiger und einfacher machen. Dabei ist eine strukturelle Lücke entstanden. Viele Kundinnen und Kunden haben Zugang zu Finanzdienstleistungen und -produkten, jedoch nicht unbedingt zu strategischer Beratung.
Je stärker sich Portfoliomanagement durch Technologie automatisieren und standardisieren lässt, desto mehr wird die Fähigkeit zur Differenzierung zur zentralen Kompetenz, also das Verständnis der gesamten finanziellen Lebenswelt der Kundinnen und Kunden und deren Übersetzung in stimmige Entscheidungen. Bei smzh ist unser Anspruch, diese Lücke mit einem Family-Office-orientierten Modell zu schliessen, das den Kundinnen und Kunden integrierten Zugang zu Investitionen, Finanzierungen, Vorsorge, Versicherungen, Steuern und Immobilien bietet und dies bei niedriger Einstiegsschwelle.
Die Bedrohung für traditionelle Privatbanken geht daher nicht allein von der Technologie aus. Es ist eine Frage der Positionierung. Institute, die hauptsächlich auf Produktvertrieb ausgerichtet sind, stehen unter zunehmendem Druck durch Plattformen, die die Umsetzung zu viel tieferen Kosten ermöglichen. Gewinner werden diejenigen sein, die glaubwürdige Beratung, Unabhängigkeit und die Fähigkeit bieten, verschiedene Fachgebiete in einem interdisziplinären Umfeld zu integrieren. Nicht jede Fähigkeit muss allerdings intern aufgebaut werden, denn «Embedded Finance» und modulare Partnerschaften ermöglichen, Kompetenzen gezielt zu integrieren und interne Ressourcen auf Kernkompetenzen zu fokussieren.
Viele Privatinvestoren sind nach wie vor stark in Schweizer Immobilien und Barmittel investiert. Was sind Ihrer Einschätzung nach die häufigsten Allokationsverzerrungen bei vermögenden Kunden heute?
Die Konzentration auf Schweizer Immobilien ist tatsächlich eine der häufigsten Verzerrungen. Für viele Privatinvestorinnen und -investoren macht direkt gehaltenes Wohneigentum einen Grossteil des Nettovermögens aus. Das ist nachvollziehbar, birgt aber oft unterschätzte Klumpenrisiken, weil Immobilien als vertraut, greifbar und stabil wahrgenommen werden.
Eine zweite wesentliche Verzerrung sind zu hohe Barmittel. Auch wenn Realzinsen negativ oder nahe null sind, bevorzugen viele Anleger nominale Stabilität gegenüber dem langfristigen Erhalt der Kaufkraft. Verhaltensökonomisch ist dies durch Verlustaversion erklärbar, da sich Barmittel sicher anfühlen, aber erhebliche Opportunitätskosten mit sich bringen und vor allem bei Inflation zu einem schleichenden Realwertverlust führen.
Ebenfalls relevant sind Vertrautheits-, Home- und Aktualitätsbias. Manche Kundinnen und Kunden investieren zu wenig, weil sie das ungünstige Anlagejahr 2022 noch in Erinnerung haben und dieses Umfeld in die Zukunft hinein extrapolieren. Andere profitierten von der Aktienrally 2023 bis 2025 und halten nun konzentrierte Positionen in Technologiethemen. Der Schweizer Markt ist zwar hochwertig, aber sektoral konzentriert und bietet nur begrenzt Zugang zu globalen Wachstumsthemen. Eine rein inländische Allokation ist deshalb nicht automatisch konservativ, sondern in vielen Fällen schlicht nicht ausreichend diversifiziert.
Was sagt es über die aktuelle Bewertung globaler Aktienmärkte aus, dass die SoftBank Group den Börsenwert von Toyota Motor Corporation überholt hat, insbesondere in Bezug auf technologische Vision versus industrielle Umsetzung?
Es bedeutet nicht unbedingt, dass industrielle Umsetzung nicht mehr zählt. Toyota ist nach wie vor eines der diszipliniertesten operativen Unternehmen weltweit. Der Markt signalisiert derzeit, dass technologischer Optionalität und der Beteiligung am KI-Investitionszyklus ein sehr hoher Wert beigemessen wird.
SoftBank ist im Grunde genommen eine börsenkotierte Investment-Holding mit Venture-Capital-Charakteristika, während Toyota ein operatives Unternehmen mit Produktionskompetenz, Skaleneffekten und Kapitaldisziplin ist. Die Marktkapitalisierung beider zu vergleichen, ist daher keine Aussage darüber, dass das eine Unternehmen «besser» wäre als das andere. Es spiegelt vielmehr wider, wofür Investoren gegenwärtig zu bezahlen bereit sind. Aktuell wird die KI-Optionalität aggressiver bewertet als industrielle Exzellenz in reifen Systemen.
Mit Blick auf die erwarteten IPOs von Anthropic und OpenAI: Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Erfolgsfaktoren, welche letztlich bestimmen, welche KI-Plattform sich in Bezug auf Technologie, Distribution und Monetarisierung durchsetzt?
Ich rechne nicht unbedingt damit, dass sich ein «Winner-takes-all»-Szenario herausbildet. Mehrere KI-Plattformen können parallel existieren, deren Wettbewerbsvorteile sich aber unterscheiden werden. Wesentliche Faktoren werden Modellqualität, Integration in die Workflows der Kunden, Vertrauen, Kosteneffizienz und die Fähigkeit sein, KI-Nutzung profitabel zu monetarisieren.
OpenAI besitzt offenbar einen starken Vorsprung im Konsumentenbereich und bei generellen Produktivitätsanwendungen. Anthropic scheint besser bei Unternehmen, regulierten Branchen und vertrauenssensitiven Anwendungen positioniert. Dies sind unterschiedliche Leistungsversprechen. Konsumenten-Distribution schafft Skaleneffekte, Markenbekanntheit und potenzielle Datenvorteile während Unternehmensdistribution umfassendere und langlebigere Verträge, tiefere Integration in Geschäftsprozesse und höhere Verbindlichkeit bringen kann.