« Die Rolle der Schwellenländer wird deutlich strategischer »

Geschrieben von Michaël Lok | 28.05.2026 07:04:15

 In einem Umfeld, das von wiederkehrendem Inflationsdruck, dem Aufstieg der KI und geopolitischen Verschiebungen geprägt ist, sieht Michaël Lok die Märkte an der Schwelle zu einem neuen Zyklus. Im Gespräch erläutert der CIO der UBP die Auswirkungen dieses Regimewechsels auf die Asset Allocation, die wachsende strategische Bedeutung der Schwellenländer sowie die tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der Technologieindustrie. 

Unterschätzen die Investoren derzeit die makroökonomischen Risiken im Zusammenhang mit den Energiepreisen und einer anhaltenden Inflation?

Ja, wahrscheinlich. Unser Basisszenario für 2026 beruhte bislang weitgehend auf der Fortsetzung der Entwicklung seit 2023, also auf einer schrittweisen Disinflation, sinkenden Zinsen und einer klaren Unterstützung der Wirtschaft und der Märkte durch die Zentralbanken. Seit einigen Monaten beobachten wir jedoch eine deutliche Trendwende bei der Inflation, begleitet von einem weniger günstigen Ölpreisszenario.

Aus unserer Sicht unterschätzt der Markt die makroökonomischen Folgen dieser Entwicklung noch immer, insbesondere in Europa. Das erste Halbjahr war vor allem von einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber makroökonomischen Risiken geprägt. Die Investoren konzentrierten sich weiterhin auf Unternehmensgewinne und die Dynamik rund um die KI, was in bestimmten Segmenten nachvollziehbar ist. Die zweite Jahreshälfte könnte jedoch schwieriger werden, vor allem für Europa, das aufgrund seiner Energieabhängigkeit und seiner vergleichsweise fragilen Industrie besonders verwundbar bleibt.

Das zeigt sich bereits seit mehreren Wochen: Europäische Aktienmärkte bewegen sich praktisch seitwärts, während die US-Technologiewerte, getragen von den Perspektiven der künstlichen Intelligenz, weiterhin eine sehr starke Dynamik aufweisen. Diese Divergenz spiegelt aus unserer Sicht genau diese Unterschätzung des europäischen Makrorisikos wider.

Sie sehen KI und Energiesicherheit als zwei zentrale Kräfte bei der Neuausrichtung der Portfolios. Welche Marktsegmente erscheinen Ihnen neben den offensichtlichen Gewinnern im Technologiesektor weiterhin unterbewertet?

Im reinen Technologiesektor sind die Kapitalflüsse derzeit so massiv und die Wachstumsdynamik so stark, dass klassische Bewertungsfragen beinahe zweitrangig werden. Wir haben zudem früh die Auffassung vertreten, dass es sich nicht um eine Technologieblase im klassischen Sinn handelt, gerade weil die grossen Akteure heute enorme Gewinne erwirtschaften – anders als während des Zyklus der frühen 2000er-Jahre.

Wir sehen hingegen weiterhin erhebliches Potenzial im gesamten Energie- und Utility-Ökosystem. Die Entwicklung der KI führt zu einem enormen Energieverbrauch, was automatisch einen strukturellen Bedarf an Infrastruktur, Energieproduktion und Versorgungssicherheit schafft.

Das gilt insbesondere für das, was wir als «Power Demand» bezeichnen. Alternative Energien, Netzinfrastrukturen oder bestimmte Segmente der Energiewende bieten aus unserer Sicht weiterhin beträchtliche Wertpotenziale. Dabei handelt es sich um langfristige Themen mit einem Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren und nicht um kurzfristige taktische Positionierungen.

Wie sollten langfristig orientierte Investoren angesichts geopolitischer Fragmentierung und des Wiederauflebens inflationärer Tendenzen die Rolle der Schwellenländer in diversifizierten Portfolios neu bewerten?

Wir sind der Ansicht, dass die Schwellenländer schrittweise in eine neue Phase eintreten. Lange Zeit wurden sie vor allem als nahezu mechanischer Diversifikationsbaustein innerhalb globaler Portfolios betrachtet. Heute wird ihre Rolle deutlich strategischer.

Der Aufstieg der KI, neue Energieinfrastrukturen und der steigende Bedarf an Rohstoffen verändern die Position einzelner Schwellenländer innerhalb der globalen Wertschöpfungsketten grundlegend. Investoren müssen daher über die traditionellen Kernmärkte hinausblicken und ihre Exponierung stärker diversifizieren.

Wir haben deshalb bestimmte Positionen in Asien ausgebaut, insbesondere in Taiwan und Südkorea, die mittlerweile eine zentrale Rolle bei Halbleitern, technologischen Infrastrukturen und KI-bezogenen Produktionsketten spielen. Gegenüber China sind wir konstruktiver als noch vor einigen Jahren, auch wenn die Visibilität begrenzt bleibt. Nach einer sehr vorsichtigen Phase nach Covid sind wir schrittweise über chinesische Technologiewerte und später auch über stärker binnenorientierte Segmente zurückgekehrt. Indien bleibt ebenfalls ein starkes strukturelles Thema, auch wenn wir unsere Positionen dort leicht reduziert haben, um die Allokation innerhalb der Schwellenländer insgesamt neu auszubalancieren.

Insgesamt betrachten wir die Schwellenländer inzwischen als direkte Profiteure dieses neuen langfristigen Zyklus, der Technologie, Energie und geopolitische Neuordnungen miteinander verbindet.

Gold bleibt eine Ihrer wichtigsten strategischen Allokationen. Treten wir Ihrer Ansicht nach in eine tiefgreifendere Übergangsphase ein, in der das globale Finanzsystem weniger stark vom Dollar dominiert wird?

Die Diskussion über eine Entdollarisierung kehrt seit mehreren Jahren regelmässig zurück, insbesondere im aktuellen geopolitischen Kontext. Faktisch gibt es jedoch nach wie vor keine glaubwürdige Alternative zum Dollar als globaler Leitwährung.

Dennoch sind wir der Meinung, dass das Dollarrisiko in den Portfolios heute stärker moduliert werden sollte. In diesem Zusammenhang stellen Gold und der Schweizer Franken sehr effiziente Absicherungsinstrumente gegen eine strukturelle Abschwächung des Dollars über den langen Zeitraum dar.

Wir sprechen hier von säkularen Themen. Die Aufwertung des Schweizer Frankens lässt sich seit mehr als zwanzig Jahren beobachten, und Gold folgt einer vergleichbaren Logik. Auch wenn die jüngsten Zinserhöhungen Gold vorübergehend stabilisiert haben, bleiben wir für die kommenden Jahre strukturell sehr positiv für das Edelmetall eingestellt. Wir gehen davon aus, dass sich dieser langfristige Trend fortsetzen wird.

Welche grossen Veränderungen haben Sie in einem Umfeld vorgenommen, das zunehmend von Industriepolitik, Energiesouveränität und technologischem Wettbewerb geprägt ist?

Die wichtigste Veränderung der vergangenen Jahre war die Integration einer echten taktischen Ebene zusätzlich zur traditionellen strategischen Asset Allocation. Wir verfolgen weiterhin einen langfristigen, diversifizierten und fundamental orientierten Ansatz, haben jedoch Instrumente entwickelt, die ein wesentlich schnelleres Eingreifen bei exogenen Schocks ermöglichen.

Konkret haben wir unsere Fähigkeit deutlich ausgebaut, taktische Overlays und derivative Instrumente einzusetzen, um bestimmte Marktrisiken abzufedern. Dadurch können wir die Portfolioexponierung temporär reduzieren, wenn die Visibilität unzureichend wird oder geopolitische beziehungsweise makroökonomische Schocks abrupt auftreten.

Es geht dabei selbstverständlich nicht darum, permanent zu traden oder überzureagieren, sondern darum, im Bedarfsfall extrem schnell handeln zu können. Heute haben wir praktisch jede Form von Trägheit innerhalb der Asset Allocation eliminiert. Wir befinden uns nicht mehr in einer statischen 60/40-Logik, bei der man einfach darauf wartet, dass sich die Märkte normalisieren.

Parallel dazu integrieren wir weiterhin alternative Strategien und Hedgefonds, die andere Renditeprofile liefern und die Diversifikation der Portfolios stärken können.

Mit welchen neuen Dynamiken wird der neue CEO von Apple im Bereich Consumer Technology umgehen müssen?

Lange Zeit gingen wir davon aus, dass die grossen technologischen Kräfteverhältnisse stabilisiert seien. Apple dominierte sein Ökosystem, die sozialen Netzwerke hatten ihre Marktführer gefunden und die grossen Plattformen schienen dauerhaft etabliert. Doch die generative KI verändert die Ausgangslage grundlegend.

Wir glauben heute, dass wir in einen neuen säkularen Zyklus von zwanzig bis dreissig Jahren eingetreten sind, der mit einer tiefgreifenden Neuverteilung der Kräfte einhergeht. Im Unterschied zum Internetzyklus der frühen 2000er-Jahre verfügen die grossen Akteure diesmal jedoch bereits über enorme Einnahmen und Investitionskapazitäten.

Für Apple stellt sich daher vor allem die Frage des Geschäftsmodells. Der Konzern bleibt ausserordentlich stark, erscheint heute jedoch nicht mehr als zentraler Treiber der grossen technologischen Umbrüche im Zusammenhang mit KI. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den vergangenen zwanzig Jahren.

Andere Akteure wie Microsoft haben bei diesen neuen Anwendungen einen sichtbaren Vorsprung aufgebaut. Zudem entwickelt sich der Sektor extrem schnell. Alle drei bis sechs Monate tauchen neue Modelle oder neue Marktteilnehmer auf. Heute spricht jeder über Anthropic und Claude, obwohl diese Namen noch vor wenigen Monaten kaum Teil der Diskussion waren.

Die Herausforderung für Apple wird daher darin bestehen, in einem Umfeld zentral zu bleiben, in dem sich die Wertschöpfung schrittweise von der Hardware hin zu Modellen, Daten und Software-Orchestrierung verlagert.