Das Modell der unabhängigen Vermögensverwalter entwickelt sich zunehmend zu einer tragenden Säule der globalen Vermögensverwaltung. David Saliné beleuchtet hier die Dynamik eines Marktes, der auf rund 1'500 Milliarden Euro geschätzt wird, sowie die Strategie einer Gruppe, die ihre internationale Position weiter ausbauen will. Für Indosuez stellt das EAM-Segment einen zentralen Wachstumstreiber dar.
Wie hoch schätzen Sie heute das weltweite Volumen des Marktes für unabhängige Vermögensverwalter ein?
Das ist eine relativ komplexe Übung, da die Realitäten je nach Region und lokalem Modell stark variieren. Aber in den von Indosuez abgedeckten Märkten – wie der Schweiz, den grossen europäischen Ländern, dem Nahen Osten, Asien und Lateinamerika – gehen wir davon aus, dass unabhängige Vermögensverwalter heute rund 1'500 Milliarden Euro an Vermögen verwalten.
Die Schweiz bleibt dabei klar der Referenzmarkt, mit einem Volumen von rund 600 Milliarden Euro, also etwa 15 bis 20 % der in Schweizer Privatbanken deponierten Vermögen. Mit 150 Jahren Präsenz in der Schweiz verfügt Indosuez über eine historische Positionierung und anerkannte Erfahrung in diesem Markt.
Wie sehen Sie die Entwicklung dieses Marktes in den kommenden Jahren? Was sind die wichtigsten Wachstumstreiber?
Es handelt sich um ein Segment, das in allen Regionen, in denen es vertreten ist, äusserst dynamisch bleibt. In der Schweiz ist die Zahl der Akteure unter regulatorischem Druck eher zurückgegangen, während die Volumen weiter wachsen und die Strukturen zunehmend grösser werden. Dasselbe Konzentrationsphänomen beobachten wir auch in den europäischen Märkten.
Die wichtigsten Wachstumstreiber bleiben die Schaffung von Vermögen und der daraus resultierende Bedarf an individueller Betreuung. Unternehmer, die heute bedeutende Vermögen aufbauen, suchen Ansprechpartner, die sie in einem immer komplexeren Umfeld begleiten können – mit einem offenen Architekturansatz und Multi-Bank-Strukturen. Genau das ermöglicht das Modell der unabhängigen Vermögensverwalter.
Asien ist derzeit wohl die dynamischste Region. Zwischen Hongkong, Singapur und weiteren regionalen Finanzplätzen setzt sich das EAM-Modell sehr schnell durch. Das starke Vermögenswachstum dort führt automatisch zu einer hohen Nachfrage nach unabhängigen Vermögensverwaltungsdiensten.
Wie würden Sie die globale Strategie von Indosuez Wealth Management im EAM-Segment beschreiben?
Seit 2024 wurde unsere globale Strategie deutlich verstärkt, getragen von der Überzeugung, dass sich dieser Markt in allen grossen Regionen nachhaltig entwickeln wird.
Auf dieser Basis haben wir unsere Organisation angepasst – zunächst durch die Einführung einer gemeinsamen Governance und harmonisierter Prozesse über alle Einheiten hinweg. Ziel ist ein kohärenter Ansatz innerhalb der gesamten Indosuez Wealth Management Gruppe.
Parallel dazu haben wir unsere Teams in Hongkong, Frankreich, Italien sowie in Dubai deutlich ausgebaut. Heute sind EAM-Dienstleistungen in 11 Büros präsent und bieten Zugang zu 9 Booking Centern von Indosuez.
Wie haben Sie Ihr Angebot entsprechend dieser Strategie angepasst?
Das Angebot wurde auf mehreren Ebenen erweitert. Geografisch wurden neue Custody- und Execution-Kapazitäten in Frankreich, Hongkong, Italien und Belgien aufgebaut, was eine breitere Abdeckung und grössere Nähe zu unseren Kunden ermöglicht.
Auch das Produktangebot wurde erheblich ausgebaut – mit strukturierten Produkten, Hedging-Lösungen, Hedgefonds sowie Swaps. Unsere Kunden haben zudem Zugang zu Tiera Capital, dem Private-Markets-Angebot von Indosuez, das vor 25 Jahren geschaffen wurde und Private Equity, Private Debt, Infrastruktur und Venture Capital umfasst.
Wir können heute zudem Private-Equity-Positionen in Luxemburger Lebensversicherungslösungen integrieren, was stark nachgefragt wird.
Auch das Kreditgeschäft wurde deutlich erweitert, insbesondere im Bereich Lombard-Kredite und weiterer zuvor nicht angebotener Lösungen.
Schliesslich ist die digitale Dimension zentral geworden. Wir haben Schnittstellen zu den Tools der Vermögensverwalter entwickelt, die eine direkte Orderausführung über deren eigene Plattformen ermöglichen. Unsere EAM-Kunden profitieren zudem von einer digitalen Plattform mit Zugang zu Investmentuniversum und Analysen der Indosuez-Experten.
Mit wie vielen Vermögensverwaltern arbeiten Sie heute zusammen?
Wir arbeiten heute mit rund 380 unabhängigen Vermögensverwaltern innerhalb der gesamten Indosuez Gruppe zusammen. Das entspricht einem Anstieg von etwa 80 zusätzlichen Managern seit 2024, mit einem relativ gleichmässigen Wachstum in allen Regionen.
Wie gross ist das EAM-Segment heute bei Indosuez Wealth Management?
Das Segment macht heute rund 10 % der verwalteten Vermögen der Gruppe aus. Besonders interessant ist dabei die starke Wachstumsdynamik der letzten Jahre innerhalb aller Einheiten der Gruppe.
Welche Entwicklungsziele verfolgen Sie?
Unser Ziel ist klar, die europäische Referenz-Universalbank im Bereich der unabhängigen Vermögensverwalter in allen unseren Märkten zu werden. Wir streben ein organisches Wachstum von rund einer Milliarde Euro pro Jahr in diesem Segment an. Das ist ambitioniert, aber angesichts der Dynamik der letzten zwei Jahre absolut erreichbar – dieses Niveau wurde bereits übertroffen.
Wie verbinden Sie globale Ausrichtung und regionale Besonderheiten?
Der Schlüssel liegt in der Governance und in der Fähigkeit, über alle Einheiten hinweg einheitlich zu agieren. Gleichzeitig haben wir die internationale Zusammenarbeit stark ausgebaut. Es ist heute üblich, dass ein Vermögensverwalter mit mehreren Booking Centern innerhalb der Gruppe zusammenarbeitet, um die spezifischen Bedürfnisse seiner Kunden zu erfüllen.
Gleichzeitig bleibt der lokale Ansatz entscheidend. Die Erwartungen eines europäischen Kunden unterscheiden sich deutlich von jenen eines asiatischen oder nahöstlichen Kunden. Produkte, Strukturen oder Versicherungslösungen variieren stark je nach Region. Wir passen uns daher den lokalen kulturellen und regulatorischen Gegebenheiten an und behalten gleichzeitig eine globale Plattform bei.
Inwiefern beeinflusst der Ausbau von Family-Office-Dienstleistungen Ihren EAM-Ansatz?
Die Grenze zwischen unabhängigen Vermögensverwaltern und Multi-Family-Offices wird zunehmend fliessend. Viele EAMs verfolgen heute einen ganzheitlichen Ansatz, der weit über das klassische Portfoliomanagement hinausgeht. Sie begleiten ihre Kunden bei Themen wie Nachfolgeplanung, Vermögensstrukturierung, Immobilien, Philanthropie oder Familiengovernance.
Die Wealth-Planning-Expertise, die Family Offices zur Verfügung steht, ist auch für unabhängige Vermögensverwalter zugänglich.
Welche zentralen Entwicklungen sehen Sie aktuell bei den Erwartungen der EAMs?
Die erste grosse Veränderung betrifft die Struktur der Anlagemodelle selbst. Stark standardisierte Ansätze werden zunehmend durch deutlich diversifiziertere Allokationen ersetzt. Kunden sind heute finanziell besser informiert und suchen nach anspruchsvolleren Lösungen mit Zugang zu unterschiedlichen Anlageklassen – etwa Private Equity, Hedgefonds, Edelmetallen, alternativen Anlagen oder Hedging-Strategien.
Zudem entwickeln sich viele Modelle in Richtung Multi-Family-Office-Ansatz, mit einer umfassenden Vermögensbetreuung der Kunden. Schliesslich gewinnt die technologische Dimension stark an Bedeutung. Insbesondere asiatische Akteure haben gezeigt, wie schnell sich eigene digitale Tools wie PMS, CRM oder Reporting-Systeme entwickeln lassen – eine wichtige Lektion für europäische Marktteilnehmer.