Die unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz hat sich seit der Einführung des FINIG selbstverständlich stark verändert. Anstatt das Modell zu schwächen, haben die neuen Anforderungen die Professionalisierung des Sektors beschleunigt und die Rolle seiner Akteure klarer definiert. Vivien Jain spricht über die Entwicklungen, welche die Branche heute prägen, von neuen Kundenprofilen über technologische Veränderungen bis hin zum Anspruch der VSV, ihre Rolle als Partnerin der unabhängigen Vermögensverwalter weiter auszubauen.
Zwei Jahre nach der Einführung des FINIG: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz?
Vivien Jain : Wenn man einen zentralen Punkt hervorheben müsste, dann wäre es die Widerstandsfähigkeit des Schweizer Modells der unabhängigen Vermögensverwaltung. Als das FINIG eingeführt wurde, sagten zahlreiche Beobachter voraus, dass kleinere Strukturen unter dem Druck der neuen regulatorischen Anforderungen verschwinden würden, wie dies in anderen Jurisdiktionen teilweise zu beobachten war.
Dies ist schlicht nicht eingetreten. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass der Median der Vermögensverwalter weiterhin etwas mehr als drei Mitarbeitende beschäftigt. Der Sektor besteht somit nach wie vor überwiegend aus kleinen Unternehmen mit nur ein bis drei Fachpersonen, was bemerkenswert ist. Der regulatorische Rahmen ist deutlich anspruchsvoller geworden, doch auch sehr kleine Strukturen können in der Schweiz weiterhin erfolgreich sein.
Natürlich ist die Zahl der Unternehmen gegenüber früheren Schätzungen zurückgegangen. Diese Entwicklung ist jedoch weniger auf eine Schwächung des unabhängigen Modells zurückzuführen als vielmehr auf eine klarere Definition des Berufsbildes. Die Regulierung hat dazu beigetragen, besser zu unterscheiden, welche Akteure tatsächlich eine unabhängige Vermögensverwaltung ausüben. Vor der Einführung des FINIG bezeichneten sich viele als Vermögensverwalter, ohne tatsächlich eine diskretionäre Verwaltungstätigkeit auszuüben, die einer Aufsicht untersteht. Heute sind die Konturen des Berufs klarer definiert und der Professionalisierungsgrad deutlich höher. Das FINIG hat den Markt somit nicht grundlegend verändert, sondern vor allem zur Stärkung der Glaubwürdigkeit des Sektors beigetragen.
Die Zahlen müssen zudem in ihren Kontext gestellt werden. Häufig werden die rund 2’500 im Jahr 2020 bei der FINMA registrierten Gesellschaften mit den heute rund 1’400 bewilligten Vermögensverwaltern verglichen. Zwei Faktoren erklären diese Differenz. Einerseits waren fast 500 dieser Einheiten in Wirklichkeit Trustees. Andererseits widerspiegelt der Rückgang der Zahl der Vermögensverwalter eine Pensionierungswelle seit 2020, die zunächst nicht durch neue Marktteilnehmer kompensiert wurde. Diese Entwicklung scheint sich jedoch umzukehren, da die FINMA im Jahr 2025 insgesamt 61 neue Bewilligungsgesuche registriert hat.
Welche strukturellen Kräfte prägen heute den Sektor?
Heute treffen mehrere langfristige Entwicklungen aufeinander. Die erste betrifft den Generationenwechsel, sowohl innerhalb der Vermögensverwaltungsunternehmen als auch bei ihren Kunden. Viele unabhängige Vermögensverwalter begleiten mittlerweile mehrere Generationen derselben Familie. Mit der zunehmenden Dynamik dieses Wandels müssen Berater lernen, auf immer unterschiedlichere Kundenprofile und Erwartungen einzugehen.
Parallel dazu beschleunigt sich die technologische Transformation. Die Digitalisierung ist längst keine mittelfristige Perspektive mehr, sondern verändert bereits heute die Arbeitsweise der Branche grundlegend. Künstliche Intelligenz gehört zweifellos zu den wichtigsten Entwicklungen. Alle sprechen darüber, doch die entscheidende Frage lautet, wer sie tatsächlich erfolgreich in sein Geschäftsmodell integrieren kann, um die Effizienz zu steigern, ohne die Qualität der Kundenbetreuung zu beeinträchtigen.
Auch die Regulierung wird ein entscheidender Faktor bleiben. Die Aufgabe eines Branchenverbands besteht nicht darin, sich gegen Regulierung zu stellen, sondern sicherzustellen, dass sie sich so weiterentwickelt, dass die unternehmerische Dynamik erhalten bleibt, welche die unabhängige Vermögensverwaltung in der Schweiz seit jeher prägt.
Wo sehen Sie heute die grössten Wachstumschancen für unabhängige Vermögensverwalter?
Die Weitergabe von Vermögen über Generationen hinweg ist wahrscheinlich die grösste Chance der kommenden Jahre. Die heutigen Vermögensschöpfer unterscheiden sich deutlich von früheren Generationen. Wir sehen immer mehr Unternehmer, Gründer, Kryptowährungsinvestoren oder Content Creator, die bereits in sehr jungem Alter bedeutende Vermögen aufbauen.
Es ist heute keine Seltenheit mehr, dass junge Unternehmer bereits vor dem dreissigsten Lebensjahr ein beträchtliches Vermögen geschaffen haben. Um sie zu begleiten, braucht es deshalb völlig neue Ansätze. Ihre Erwartungen, ihre Kommunikationsgewohnheiten und ihre Anlagekultur unterscheiden sich deutlich von jenen traditioneller Privatbankkunden.
Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die grösste Chance weiterhin bei den Familien liegt, die bereits begleitet werden. Unabhängige Vermögensverwalter, die heute die Eltern beraten, befinden sich in einer idealen Position, um frühzeitig eine Beziehung zur nächsten Generation aufzubauen, noch bevor die eigentliche Vermögensübertragung beginnt. Dies ermöglicht Kontinuität und stärkt die Kundenbeziehungen langfristig.
Auch künstliche Intelligenz stellt eine grosse Wachstumschance dar, da sie den Unternehmen ermöglichen wird, ihre Effizienz zu steigern und gleichzeitig jene hochgradig personalisierte Betreuung zu bewahren, die unabhängige Vermögensverwalter auszeichnet.
Aus Ihrer Erfahrung bei Aquila: Welche Akteure stehen heute vor den grössten operativen oder wirtschaftlichen Herausforderungen?
Interessanterweise sind es weder die kleinsten noch die grössten Strukturen. Die kleinsten Gesellschaften bleiben bemerkenswert agil. Sie verfügen über schlanke Kostenstrukturen, häufig ohne komplexe IT-Infrastrukturen oder umfangreiche Supportfunktionen. Dadurch können sie mit relativ begrenzten Ressourcen profitabel arbeiten. Die grossen Organisationen wiederum haben bereits eine ausreichende Grösse erreicht, um die Kosten für Compliance, Technologie und operative Prozesse zu absorbieren.
Die eigentliche Herausforderung betrifft die mittleren Gesellschaften. Sobald sie vier, fünf oder sechs Relationship Manager beschäftigen, nimmt ihre Komplexität in der Regel deutlich zu. Prozesse werden anspruchsvoller, technologische Investitionen unvermeidbar und die Anforderungen im Bereich Compliance steigen kontinuierlich. Diese Unternehmen müssen dann entscheiden, ob sie bewusst ein schlankes Modell bewahren oder in ihre Entwicklung investieren wollen, um eine Grösse zu erreichen, welche die Kosten besser auffangen kann. Diese Übergangsphase stellt heute wahrscheinlich eine der grössten wirtschaftlichen Herausforderungen der Branche dar.
Ist der regulatorische Ansatz der FINMA Ihrer Ansicht nach zu einheitlich geworden?
Ja, und dies ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Themen, die wir weiterhin mit der FINMA diskutieren. Unabhängige Vermögensverwalter unterscheiden sich grundlegend von Banken. Sie halten keine eigenen Vermögenswerte in ihrer Bilanz, arbeiten mit Depotbanken zusammen und weisen ein völlig anderes Risikoprofil auf. Die Regulierung sollte diese Unterschiede widerspiegeln.
Der zentrale Grundsatz muss stets die Verhältnismässigkeit und ein risikobasierter Ansatz sein. Zahlreiche konkrete Beispiele zeigen, dass gewisse heutige Anforderungen nicht immer der operativen Realität dieser Vermögensverwalter entsprechen.
Eine aktuelle Diskussion betraf beispielsweise das Sanktionsscreening, insbesondere die Vorgabe, dass Unternehmen Sanktionslisten innerhalb von 24 Stunden nach deren Veröffentlichung aktualisieren müssen. Diese Frist ist selbstverständlich für Banken, die Transaktionen ausführen, von zentraler Bedeutung. Für Vermögensverwalter, deren Vermögenswerte bei regulierten Banken verwahrt werden, ist sie jedoch deutlich weniger relevant.
Dasselbe gilt für Bereiche wie die Best Execution. Bestimmte Anforderungen nähern sich heute jenen an, die Banken auferlegt werden, obwohl die operativen Realitäten völlig unterschiedlich sind. Eine risikobasierte Aufsicht hat den grossen Vorteil, Ressourcen dort einzusetzen, wo tatsächlich Risiken bestehen, anstatt dieselben Standards auf alle Geschäftsmodelle anzuwenden.
Welche strategischen Prioritäten verfolgt der VSV in den kommenden Jahren?
Sie lassen sich auf zwei Schwerpunkte konzentrieren. Der erste besteht darin, unsere Sichtbarkeit und unseren Einfluss zu erhöhen. Wir möchten unsere Mitgliederbasis erweitern, um die Interessen des Sektors gegenüber Regulatoren und politischen Entscheidungsträgern noch besser vertreten zu können. Heute repräsentieren wir bereits mehr als 60 Prozent des Marktes. Mein Ziel ist es, diese Zahl auf 80 Prozent zu steigern, denn eine breitere Basis verschafft uns zusätzliches Gewicht in den Diskussionen.
Die zweite Priorität besteht darin, das Dienstleistungsangebot für unsere Mitglieder deutlich auszubauen. Wenn ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einer regulatorischen, operativen oder technologischen Frage konfrontiert ist, soll der VSV seine erste Anlaufstelle sein.
Dies erfordert die Entwicklung praxisnaher Leitfäden, Branchenstandards, Vorlagen und konkreter Empfehlungen. Die Interessenvertretung der Branche bleibt eine zentrale Aufgabe. Ein Verband muss seinen Mitgliedern jedoch auch operative Antworten auf ihre täglichen Herausforderungen bieten. Genau in diese Richtung wollen wir die ASG weiterentwickeln.
Wie kann sich der VSV stärker als Dienstleister positionieren?
Die Interessenvertretung der Branche wird weiterhin im Zentrum unserer Mission stehen. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen unserer Mitglieder verändert. Sie wünschen sich auch eine konkrete Unterstützung bei den Fragen, die sich im Tagesgeschäft stellen. Wenn eine neue Regulierung oder ein FINMA-Rundschreiben in Kraft tritt, erwarten sie klare Antworten darauf, welche praktischen Auswirkungen dies hat, wie sie sich darauf vorbereiten können und welche Massnahmen umgesetzt werden müssen.
Das Ziel besteht darin, zu vermeiden, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Lösungen entwickeln muss. Der Verband soll praxisnahe Leitfäden, Vorlagen, gemeinsame Standards und konkrete Empfehlungen bereitstellen können.
Wir haben diesen Weg bereits mit verschiedenen Initiativen eingeschlagen, darunter Rundtischgespräche zu Audits, Empfehlungen im Bereich Cybersicherheit und Instrumente zur Erleichterung der Umsetzung regulatorischer Anforderungen. Langfristig soll die ASG für unabhängige Vermögensverwalter zum ersten Ansprechpartner werden, wenn sie eine operative oder regulatorische Frage klären möchten.
Wie gross ist der Schweizer Markt der unabhängigen Vermögensverwaltung heute?
Auf Basis der Daten, die wir bei den Aufsichtsorganisationen und der FINMA erhoben und anschliessend in unserem Yearbook veröffentlicht haben, gehen wir davon aus, dass unabhängige Vermögensverwalter heute rund 500 Milliarden Franken an Vermögen verwalten.
Die Schätzungen können selbstverständlich variieren. Einige Marktteilnehmer nennen Werte zwischen 200 und 800 Milliarden Franken. Wir sind jedoch der Ansicht, dass 500 Milliarden Franken derzeit die glaubwürdigste Einschätzung darstellen. Unabhängig von diesen Zahlen entwickelt sich der Markt weiter, und ich bin weiterhin überzeugt vom Wachstumspotenzial der unabhängigen Vermögensverwaltung in der Schweiz.