«Ein Sieg der Demokraten wird die expansive Agenda der Republikaner voraussichtlich bremsen»

Geschrieben von Julien Descombes | 04.11.2026, 16:08:15

Die US-Politik, die Zinsaussichten in Europa und die Spannungen am Kreditmarkt zeugen von teilweise widersprüchlichen Entwicklungen. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung der künstlichen Intelligenz an den Finanzmärkten, wo der Kapitalbedarf und die hohen Bewertungen neue Fragen aufwerfen.

Welche Auswirkungen könnte eine Niederlage Trumps bei den Midterms auf die Entwicklung des US-Haushaltsdefizits und die langfristigen Zinsen haben?

Die Politik beeinflusst die Märkte heute stark. Die Zwischenwahlen sind aus meiner Sicht jedoch nicht der entscheidende Faktor für die US-Zinsen, die Inflation oder das Wirtschaftswachstum. Die Entwicklung der Staatsfinanzen wird vielmehr vom Wirtschaftswachstum in den USA, vom Umfang der Investitionen in künstliche Intelligenz und von der Geldpolitik abhängen.

Die Midterms könnten allerdings den finanzpolitischen Handlungsspielraum der Regierung beeinflussen. Ein Sieg der Demokraten, die damit die Kontrolle über beide Kammern übernehmen würden, wird die expansive Agenda der Republikaner voraussichtlich bremsen. Mit einer tatsächlichen Straffung der Fiskalpolitik infolge der Wahlen ist hingegen kaum zu rechnen.

Die Zeit vor den Zwischenwahlen ist häufig von Turbulenzen an den Märkten geprägt, da politische Unsicherheiten für Verunsicherung sorgen. Sobald die Ergebnisse feststehen, lösen sich diese Unsicherheiten naturgemäss auf, was den Märkten tendenziell Auftrieb gibt.

Muss die EZB ihre Zinsen weiter erhöhen, obwohl die Straffung der Bankkreditvergabe die Wirtschaft in der Eurozone bereits bremst?

Der Handlungsspielraum der EZB ist deutlich begrenzter als jener der Fed. Anders als in den USA, wo das Wirtschaftswachstum robust bleibt, entwickelt sich die Wirtschaft in der Eurozone nur schleppend. Das schränkt ihre Möglichkeiten ein, die Geldpolitik weiter zu straffen. Dennoch rechnen wir bis Ende Jahr mit einer weiteren Zinserhöhung, im Einklang mit den aktuellen Markterwartungen.

Für 2027 weicht unser Szenario deutlich vom Konsens ab. Wir gehen von einer allmählichen Normalisierung der Inflation aus, die insbesondere durch Basiseffekte bei den Energiepreisen und eine Normalisierung der Ölpreise begünstigt wird. Unter diesen Voraussetzungen rechnen wir eher mit einer Zinspause der EZB, während der Markt für das kommende Jahr noch zwei bis drei Zinserhöhungen erwartet. Auch eine Zinssenkung gegen Ende 2027 ist nicht auszuschliessen, auch wenn es dafür noch etwas früh ist.

Die Entwicklung der Energiepreise wird entscheidend sein. Eine Entspannung der Spannungen im Nahen Osten könnte ihren Rückgang zusätzlich beschleunigen. Schliesslich werden die bereits erfolgten Zinserhöhungen und die weitere Erhöhung, die wir für dieses Jahr erwarten, ihre Wirkung auf die Wirtschaft weiterhin entfalten.

Inwiefern könnte eine Rückkehr Grossbritanniens in die EU, die von einer grossen Mehrheit der Britinnen und Briten befürwortet wird, die Entwicklung europäischer Aktien und des britischen Pfunds beeinflussen?

Eine Rückkehr Grossbritanniens in die Europäische Union ist für uns noch kein konkretes Szenario, da die Entwicklung nach wie vor sehr ungewiss ist. Sollte es dennoch dazu kommen, wären die Auswirkungen sowohl für das britische Pfund als auch für die britische und die europäische Wirtschaft voraussichtlich positiv.

Die Rückkehr würde britischen Unternehmen neue Absatzmöglichkeiten eröffnen und den Handel mit dem übrigen Europa stärken. Auch Unternehmen aus der Eurozone könnten davon profitieren. Längerfristig würde dies das Wachstumspotenzial beider Wirtschaftsräume stärken.

Die Auswirkungen auf die Märkte lassen sich heute allerdings nur schwer abschätzen. Eine solche Entwicklung dürfte sich kaum kurzfristig vollziehen. Ihr Einfluss hinge weitgehend vom wirtschaftlichen und finanziellen Umfeld zum Zeitpunkt einer möglichen Rückkehr ab. Deshalb können wir diesen Faktor derzeit nicht als Grundlage für unsere Portfolioausrichtung heranziehen.

Welche Ausrichtung sollte die Nachfolge von Christine Lagarde der Geldpolitik der EZB geben, während die Energiepreise weiterhin hoch sind?

Das entscheidende Stichwort lautet Kontinuität. Die Nachfolge von Christine Lagarde sollte keinen Bruch in der Geldpolitik mit sich bringen, damit das Vertrauen der Märkte erhalten bleibt.

Für ihren Nachfolger werden insbesondere zwei Herausforderungen wichtig sein. Erstens gilt es, die Glaubwürdigkeit der EZB zu bewahren und Zweitrundeneffekte bei der Inflation zu verhindern. Zweitens muss bekräftigt werden, dass die Preisstabilität weiterhin oberste Priorität hat.

Die EZB wird insbesondere daran gemessen werden, ob sie ihr Inflationsziel von 2 % verteidigen und die Inflationserwartungen verankern kann. Diese Kontinuität wird entscheidend sein, damit ihr geldpolitischer Kurs berechenbar bleibt.

Die Spannungen am High-Yield-Markt nehmen zu. In einigen Segmenten liegen die Renditen inzwischen bei über 20 %. Besteht die Gefahr einer Ansteckung?

Wir müssen wachsam bleiben. Allerdings betreffen Renditen von über 20 % sehr spezifische Titel und bedeuten nicht, dass sich der gesamte High-Yield-Markt in Schwierigkeiten befindet. Sie spiegeln vor allem das Misstrauen der Anleger gegenüber einzelnen Emittenten mit besonders hohem Risiko wider.

Diese Renditen betreffen hauptsächlich das CCC-Segment. Dieses macht jedoch nur rund 4 % der europäischen High-Yield-Indizes aus. Sein Anteil ist in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen, während jener qualitativ höherwertiger Anleihen, insbesondere mit BB-Rating, gestiegen ist. Insgesamt ist das Risikoprofil der Indizes somit heute niedriger als in früheren Jahren.

Das bedeutet nicht, dass keine Risiken mehr bestehen. Die schwächsten Unternehmen müssen weiterhin Finanzierungen finden, sei es bei Banken oder auf den Privatmärkten. Derzeit sehen wir jedoch keine Ansteckungsgefahr. Eine solche könnte entstehen, wenn sich Refinanzierungsschwierigkeiten auf Emittenten höherer Bonität ausweiten oder sich die Anleger dauerhaft aus bestimmten Marktsegmenten zurückziehen würden. Dadurch würde der Zugang zu Finanzierungen für den gesamten Markt schwieriger. Davon kann derzeit jedoch keine Rede sein.

Anthropic könnte mit einer Bewertung von 1'500 Milliarden Dollar an die Börse gehen, obwohl das Kreditprofil des Unternehmens weiterhin hochspekulativ ist. Ist der Markt bereit, ein Unternehmen zu diesem Preis zu finanzieren, dessen Kapitalbedarf und finanzielle Verpflichtungen beträchtlich bleiben?

Der Sinn eines Börsengangs besteht gerade darin, den Finanzierungsbedarf eines Unternehmens der Aufnahmefähigkeit des Marktes gegenüberzustellen. Für die Akteure im Bereich der künstlichen Intelligenz ist dies eine besonders anspruchsvolle Gleichung. Auf der einen Seite steht ein enormer Investitionsbedarf. Auf der anderen Seite sind auch die Marktaussichten und die potenziellen Renditen beträchtlich.

Der Börsengang von Anthropic wird deshalb zeigen, wie die Anleger dieses Verhältnis einschätzen. Nachdem die Märkte dem Sektor der künstlichen Intelligenz während mehrerer Monate sehr positiv gegenüberstanden, ist seit einigen Wochen eine grössere Selektivität zu beobachten. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich diese Entwicklung beim Börsengang niederschlägt.

Eine Bewertung von 1'500 Milliarden Dollar setzt voraus, dass die Anleger mit einem starken Umsatzwachstum und der Fähigkeit rechnen, langfristig Renditen zu erwirtschaften, die dem eingesetzten Kapital gerecht werden. Der Börsengang wird zeigen, inwieweit der Markt bereit ist, diese Erwartungen im Unternehmenswert zu berücksichtigen.