Angesichts zunehmend konzentrierter Märkte und eines von widersprüchlichen Signalen überladenen Umfelds verfolgt Cyrille Urfer einen disziplinierten Ansatz, der auf Diversifikation und der Notwendigkeit basiert, investiert zu bleiben. Im Gespräch erläutert er die zentralen Herausforderungen, mit denen CIOs heute konfrontiert sind, sowie die wachsende Bedeutung alternativer Strategien in den Portfolios.
Als CIO: Wo liegen derzeit Ihre grössten Herausforderungen?
Ich sehe mehrere. Die erste ist die Frage, ob wir tatsächlich in ein neues Marktregime eingetreten sind, das deutlich mehr Agilität erfordert, oder ob das Umfeld einfach nur lauter geworden ist, mit einer Vielzahl widersprüchlicher Signale. Wir haben geopolitische Ereignisse, politische Ankündigungen und Bewegungen, die durch Hebelprodukte verstärkt werden. All das führt zu einer erheblichen Volatilität.
Die Gefahr besteht darin, auf alles reagieren zu wollen. Historisch gesehen hatten viele Ereignisse, die zunächst sehr bedeutend wirkten, letztlich nur begrenzte Auswirkungen auf die Märkte. Die eigentliche Herausforderung besteht daher darin, die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken und sich nicht ständig vom letzten Schlagzeilenthema oder von den neuesten Aussagen der politischen und wirtschaftlichen Akteure treiben zu lassen.
Eine weitere Herausforderung ist operativer Natur. Portfolios lassen sich nicht einfach im Takt der täglichen Nachrichten umschichten. Mehr Reaktivität setzt voraus, dass solche Entscheidungen über eine Vielzahl von Mandaten hinweg effizient umgesetzt werden können.
Schliesslich gibt es eine psychologische Dimension. Man kann von einem Erfolg geblendet oder von einem Fehler gelähmt werden. Ich ziehe oft den Vergleich mit Golf oder Tennis: Der entscheidende Schlag ist nie der gerade verfehlte, sondern immer der nächste.
Was haben Sie in den letzten zwölf Monaten bei Ihren Allokationen angepasst?
Wir haben unsere Allokationen weiterentwickelt, wie viele andere auch. Wir waren wahrscheinlich etwas zu wenig in Technologie und auch zu wenig in Gold investiert. Was mich aber besonders auffällt, ist der hohe Grad an Dispersion innerhalb der Sektoren selbst. Heute reicht es nicht mehr, in geografischen Regionen oder Sektoren zu denken. Man muss sehr genau wissen, was in den Portfolios tatsächlich enthalten ist.
Die wichtigste Veränderung bei Forum Finance war die Stärkung liquider alternativer Strategien. Dieser Anteil war zuvor schrittweise zurückgegangen, wurde aber seit Jahresbeginn deutlich ausgebaut. Er macht heute rund 25% unserer Portfolios aus.
Besonders interessant ist für mich, dass sich diese Strategien stark weiterentwickelt haben. Vor zehn Jahren waren hohe Mindestinvestitionen, geringe Transparenz und vierteljährliche Liquidität die Regel. Heute sind gewisse Strategien sogar als ETFs mit täglicher oder wöchentlicher Liquidität zugänglich.
Wir haben zudem Long/Short-Kreditstrategien, Long/Short-Aktien sowie Multi-Strategien ausgebaut. In einer Welt extrem konzentrierter Indizes und einer Obligationenwelt, die ihre Diversifikationsrolle nicht mehr immer erfüllt, sind diese unkorrelierten Renditetreiber zunehmend wichtig.
Wie strukturieren Sie Ihr Hedging-Setup im aktuellen Zins-, Kredit- und Volatilitätsumfeld?
Wir setzen insgesamt relativ wenige explizite Absicherungen ein. Die zentrale Frage bleibt immer dieselbe: Sind sie im entscheidenden Moment wirklich wirksam – und was kostet ihr Carry?
Bei Zinsen sind wir vorsichtig positioniert und halten eine relativ geringe Sensitivität gegenüber Staatsanleihen. Wenn wir diese Exponierung erhöhen würden, dann wahrscheinlich über Instrumente mit hoher Konvexität. Im Bereich Volatilität nutzen wir gewisse Strategien zur Absicherung in Stressphasen, allerdings nur in begrenztem Umfang.
Beim US-Dollar sind wir hingegen vorsichtiger geworden. Wichtig ist mir dabei die klare Trennung: US-Aktien zu halten bedeutet nicht automatisch, den Dollar zu wollen. Das sind zwei unterschiedliche Entscheidungen. Oft ist es allerdings schwierig, solche Konzepte gegenüber Kunden zu vermitteln. Eine Absicherung ist letztlich eine Art Versicherung – und viele Investoren tun sich schwer damit, eine Prämie zu zahlen für ein Risiko, das möglicherweise nie eintritt.
Wo sehen Sie die nachhaltigsten Performancequellen für die kommenden Jahre?
Ich mag vielleicht etwas old-fashioned klingen, aber die erste und wichtigste Performancequelle ist, investiert zu bleiben. Die letzten Jahre haben sehr deutlich gezeigt, wie teuer es sein kann, nur wenige aussergewöhnliche Handelstage zu verpassen. Wer in solchen Phasen nicht investiert ist, lässt erheblich Performance liegen.
Es ist klar, dass Manager, die solche Bewegungen erfassen können, Mehrwert schaffen. Genau das erwarten wir auch von gewissen alternativen Strategien. Der logische Schluss daraus ist jedoch, investiert zu bleiben und gut diversifiziert zu sein.
Wir befinden uns in einer Phase hoher Marktkonzentration. Solche Phänomene verstärken sich in der Regel zunächst, bevor sie sich wieder korrigieren. Man muss daher akzeptieren, nicht an allen Marktbewegungen vollständig partizipiert zu sein.
Ich bin zudem überzeugt, dass alternative Strategien eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Sie sind liquider geworden, kosteneffizienter strukturiert und bieten eine echte Diversifikation in zunehmend konzentrierten Aktienmärkten. Genau das ist heute besonders wertvoll.
Welche Anlageentscheidungen werden heute stärker vom Risikomanagement als von der Performance getrieben?
Typischerweise trifft das auf gewisse Trendfolge-Strategien zu. Betrachtet man nur ihre durchschnittliche historische Performance, würden sie wohl kaum in ein Portfolio aufgenommen. Analysiert man jedoch ihr Verhalten in Stressphasen, erkennt man ihren eigentlichen Wert.
Deshalb betrachten wir nicht nur die Volatilität, da sie nur einen Teil des Risikos abbildet. Viel wichtiger ist, wie sich eine Strategie verhält, wenn traditionelle Anlageklassen unter Druck stehen. Ziel ist es, Bausteine zu haben, die sich unterschiedlich verhalten, genau dann, wenn man sie braucht.
Wir bevorzugen dabei teilweise Strategien mit höheren Volatilitätsbandbreiten. Das mag kontraintuitiv erscheinen, gibt uns aber mehr Flexibilität in der Portfoliokonstruktion. Entscheidend ist anschliessend die richtige Skalierung und Kombination der Exposures.
Welche Kennzahlen sind im Zusammenhang mit einer möglichen Wiederöffnung der Strasse von Hormus zentral?
Ich beobachte vor allem den Ölpreis und die Inflation. Der Ölpreis zeigt unmittelbar die Versorgungslage, während die Inflation misst, wie schnell sich dieser Schock auf die Realwirtschaft überträgt. Die kommenden Inflationsdaten werden entscheidend sein, um die Dynamik der Transmission besser zu verstehen.
Die extremsten Szenarien scheinen inzwischen ausgeschlossen – das ist positiv. Dennoch wirken Ölpreisschocks lange nach, da sie zahlreiche Lieferketten betreffen. Öl ist nicht nur Energiequelle, sondern Bestandteil vieler industrieller Prozesse.
Diese Situation zeigt erneut die Abhängigkeit vieler Volkswirtschaften von bestimmten Lieferketten. Europa ist energetisch besonders exponiert, doch ähnliche Verwundbarkeiten bestehen auch in anderen strategischen Bereichen wie Batterietechnologie oder künstlicher Intelligenz.
Öl bleibt ein zentrales geopolitisches Instrument. Es beeinflusst nicht nur Märkte und Zentralbanken, sondern auch Kaufkraft, soziale Ungleichgewichte und damit letztlich die politische Stabilität.