„Heutzutage reicht eine solide Bilanz nicht mehr aus. Die Kunden erwarten weitaus mehr.“

Geschrieben von Matteo Gianini | 07.07.2026 09:15:39

Matteo Gianini spricht hier über die Wachstumsambitionen von J.P. Morgan in der Schweiz, den Kampf um Talente, die Erwartungen der neuen Generationen unter den vermögenden Kunden und erklärt, warum künstliche Intelligenz das Private Banking schneller verändert, als es seinerzeit der PC getan hat.

J.P. Morgan hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Die Bank möchte ihr Geschäft im UHNWI-Segment bis 2030 verdoppeln. Wo stehen Sie heute?

Wir haben bereits unter Beweis gestellt, dass wir ehrgeizige Ziele erreichen können. Als wir 2020 unseren letzten Fünfjahresplan festlegten, wollten wir unser Geschäft bereits verdoppeln – und dieses Ziel haben wir sogar früher als geplant erreicht. Deshalb haben wir uns bis 2030 neue Wachstumsziele gesetzt.

Seit dem Start dieses neuen Plans im Jahr 2023 steigen unsere Umsätze mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von fast 20 %, während das verwaltete Vermögen um 23 % zulegt. Diese Dynamik ist besonders stark.

Wie erklären Sie sich dieses Wachstum?

Dazu tragen mehrere Faktoren bei. Erstens bleibt die Schweiz ein äusserst attraktiver Markt für das Wealth Management mit einem jährlichen Vermögenswachstum zwischen 4 % und 5 %. Zweitens zieht das Land weiterhin vermögende internationale Familien an. Drittens haben wir kontinuierlich Marktanteile gewonnen. Im UHNWI-Segment halten wir heute einen Marktanteil von rund 5 %. Unser Ziel ist klar: Wir wollen uns als echter Herausforderer gegenüber den etablierten Instituten etablieren und weiter wachsen.

Auch der Ausbau unserer Teams hat entscheidend zu diesem Wachstum beigetragen. Unser Ziel war es nicht nur, unser Geschäft zu verdoppeln, sondern auch unser Beraterteam zu vergrössern und hochqualifizierte Fachkräfte einzustellen.

Was bietet J.P. Morgan seinen Kunden, was andere Akteure nicht bieten?

Ich bin überzeugt, dass die Zukunft weder den globalen Plattformen noch den spezialisierten Nischenanbietern gehört. Die Kunden brauchen beides. Sie benötigen fundiertes Fachwissen, um spezifische Bedürfnisse zu erfüllen, aber auch die Stärke einer Institution, die über eine echte globale Reichweite verfügt.

Genau das bieten wir unseren Kunden in der Schweiz. Sie profitieren sowohl von globaler Expertise als auch von einem umfassenden Verständnis der lokalen Besonderheiten. Unsere Banker sind lokal verankert, können aber weltweit auf die Kompetenzen der Gruppe zurückgreifen. Meiner Ansicht nach stellt diese Kombination aus lokaler Nähe und globaler Stärke einen erheblichen Vorteil dar.

Welche Bedeutung haben Technologie und künstliche Intelligenz in dieser Entwicklung?

Sie ist von entscheidender Bedeutung. Das Tempo der technologischen Innovation ist heute viel höher als früher. Der Personalcomputer brauchte etwa zehn Jahre, um sich in grossem Massstab durchzusetzen. Die künstliche Intelligenz wird dafür vielleicht nur wenige Jahre benötigen.
Wir brauchen daher Mitarbeiter, die sich schnell an diese neuen Technologien anpassen können. Die jüngeren Generationen verfügen in dieser Hinsicht über eine ganz natürliche Gewandtheit.

In welcher Weise investiert J.P. Morgan in künstliche Intelligenz?

J.P. Morgan investiert jährlich rund 20 Milliarden Dollar in Technologie. Ein Teil dieser Investitionen fliesst natürlich in die künstliche Intelligenz. Wir haben unser eigenes LLM-Modell entwickelt und investieren zudem erheblich in Cybersicherheit.
Heutzutage reicht eine solide Bilanz nicht mehr aus. Die Kunden erwarten weitaus mehr. Sie wünschen sich zudem eine erstklassige technologische Infrastruktur sowie höchste Sicherheitsstandards.

Wie verändert KI konkret das Private Banking?

KI wird die Qualität unserer Arbeit erheblich verbessern. Viele administrative und sich wiederholende Aufgaben können automatisiert werden, wodurch unsere Berater mehr Zeit für ihre Kunden aufwenden können.

Eines jedoch wird niemals durch KI ersetzt werden: das Vertrauen. Das Private Banking basiert auf emotionaler Intelligenz, Empathie und der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen.

Gleichzeitig verändert die KI bereits tiefgreifend unseren Alltag. Jeden Morgen, wenn ich meinen Computer einschalte, erhalte ich automatisch eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse der letzten 48 Stunden, abgestimmt auf unsere Markteinschätzung sowie auf die Interessen meiner Kunden.
Ohne KI wäre es praktisch unmöglich, eine solche Zusammenfassung so schnell zu erhalten.

Nutzen Sie persönlich Tools wie ChatGPT?

Natürlich. Heutzutage ist es möglich, innerhalb von Sekunden auf Informationen zuzugreifen und komplexe Sachverhalte zu verstehen. KI macht uns alle leistungsfähiger und effizienter. Deshalb verändert sich auch das Profil des Bankers. In Zukunft wird technisches Wissen allein nicht mehr ausreichen. Entscheidend werden Empathie, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit sein, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Inwieweit verändert sich die neue Generation vermögender Kunden?
Enorm. Diese neue Generation trifft ihre Entscheidungen schneller, hat einen deutlich digitaleren Umgang mit Finanzdienstleistungen und erwartet einen permanenten Zugang zu Informationen. Sie möchte flexibel und nach ihren eigenen Vorstellungen mit ihrer Bank interagieren können. Wenn ein persönliches Gespräch nicht möglich ist, möchte sie die benötigten Informationen online abrufen können – wann immer es ihr passt. Dies erfordert modernste Technologie sowie eine Infrastruktur, die sich äusserst agil anpassen lässt.

Verändert sich auch das Anlageverhalten junger Kunden?

Ja. Die jüngeren Generationen interessieren sich viel stärker für langfristige Anlagen, insbesondere für Private Equity und Infrastruktur. Heutzutage bleiben die vielversprechendsten Technologieunternehmen oft länger im privaten Bereich, um ihre Finanzierung sicherzustellen. Anleger, die deren Entwicklung begleiten möchten, müssen daher Zugang zu Märkten wie Private Equity oder Private Debt haben. Junge Kunden sehen zudem grosses Potenzial im Infrastrukturbereich, sei es in den Bereichen Energie, Rechenzentren oder Infrastruktur für künstliche Intelligenz.

Ist die Infrastruktur heute eines der grossen Themen im Private Banking?

Auf jeden Fall. Infrastruktur ist ein langfristiger Megatrend. Dabei geht es nicht mehr nur um Strassen oder Eisenbahnen, sondern auch um Energieversorgung, Rechenzentren und digitale Infrastruktur. Ohne Daten kann künstliche Intelligenz schlichtweg nicht funktionieren. Deshalb beobachten wir weltweit massive Investitionen in diesem Bereich. Dieses Thema wird uns noch mehrere Jahrzehnte begleiten.

Viele Anleger halten nach wie vor erhebliche Barmittel. Beobachten Sie hier eine Veränderung?

Nicht wirklich, jedenfalls noch nicht. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten bleiben viele Anleger vorsichtig. Ich weise unsere Kunden jedoch stets darauf hin, dass Liquidität keine langfristige Lösung darstellt, insbesondere in einem inflationären Umfeld.
Deshalb messen wir der strategischen Vermögensallokation grosse Bedeutung bei. Es ist äusserst schwierig, die Märkte vorhersagen zu wollen. Viel wichtiger ist es, langfristig investiert zu bleiben.

Hat der Krieg im Iran Auswirkungen auf Ihr Geschäft? Beobachten Sie stärkere Kapitalzuflüsse in die Schweiz?

Ich stelle zum jetzigen Zeitpunkt keine ungewöhnlichen Trends fest. Seit vielen Jahren ist die Schweiz ein attraktives Ziel für vermögende internationale Familien.
Die Kunden werden immer mobiler und internationaler; manche Familien lassen sich auch in der Schweiz nieder, doch das ist kein neues Phänomen. Es handelt sich vielmehr um einen grundlegenden Trend, der sich langfristig fortsetzt.

Wie sehen Sie die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz?

Ich bin sehr optimistisch. Die Stärke der Schweiz lag schon immer in ihrer Fähigkeit, Krisen zu überwinden und oft sogar gestärkt daraus hervorzugehen.
Der Finanzplatz hat in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen durchlaufen, doch diese Veränderungen schaffen auch neue Chancen für neue Akteure.
Entscheidend ist, dass der Finanzplatz wettbewerbsfähig bleibt. Wettbewerb verbessert die Qualität der Dienstleistungen, und davon profitieren letztendlich die Kunden.

Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang der Marke J.P. Morgan bei?

Es ist eine sehr starke Marke. J.P. Morgan ist weltweit für seine Solidität, seine Innovationskraft und seine technologische Führungsrolle bekannt. Doch eine Marke, so stark sie auch sein mag, ist nicht alles. Es sind vor allem die Frauen und Männer, die sie tagtäglich verkörpern, die den Unterschied ausmachen.

Kunden suchen vor allem nach einem konkreten Mehrwert. Sie schätzen insbesondere, dass sie von der Perspektive einer amerikanischen Bank profitieren können, die über einen privilegierten Zugang zum US-Markt verfügt, der nach wie vor der weltweit grösste Kapitalmarkt ist.